»Das wird der absolute Knaller!«

Als überraschende politische Initiative mit konkreten Zielen ist vor 13 Jahren horizonte gegründet worden. Ein Gespräch über die Anfänge und was daraus wurde …   

Stephan Bliemel: Vor ziemlich genau 13 Jahren hattest du die Idee zu einem politischen Magazin für die SPD in Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam haben wir dies dann mit der ersten Redaktion in die Tat umgesetzt. Die Ausgabe 1 erschien im November 2002 mit dem Schwerpunkt »Soziale Gerechtigkeit«. Erinnerst du dich?

Mathias Brodkorb: Ja, sicher. Wir hatten damals ein 10-seitiges strategisches Geheimpapier entworfen, in dem wir die Ziele abgesteckt und von der Finanzierung über den Inhalt bis zur Vermarktung alles genau konzipiert hatten.

Bliemel: Wirklich? Daran kann ich mich nun nicht mehr erinnern…

Brodkorb: Siehst du, so geheim war das damals!

Bliemel: Aber du weißt noch, dass wir eigentlich Andrea Nahles die Existenz dieses Magazins verdanken?

Brodkorb: Nee, keine Ahnung.

Bliemel: Du warst damals recht aktiv im Forum Demokratische Linke 21. Andrea Nahles war zu der Zeit die Vorsitzende des Vereins und du hattest sie erfolgreich überredet, das Magazin finanziell zu unterstützen. Das Argument war, dass unser Magazin das ideale Mittel wäre, um die SPD MV schrittweise zu einem linken Landesverband zu machen.

Brodkorb: Ach ja! Unsere Überzeugung war, dass sich durch die Lektüre unseres Magazins die Partei programmatisch verwandeln lassen würde. Durch politische Argumente, Schritt für Schritt. Dass von Beginn an z.B. plattdeutsche Texte dabei waren, hatte vor allem den Grund, zunächst unverfängliche Angebote zu unterbreiten. Dass es am Ende eine der besten Rubriken wurde …

Bliemel: … die sogar zu einer separaten Buchpublikation der Autorin führte …

Brodkorb: … hatte keiner geahnt. Jedenfalls waren wir Jusos damals der Auffassung, die Parteilinke wäre einfach zu schwach. Und in einer »Geheimaktion« hatten wir dann dieses Magazin auf die Beine gestellt und auf dem Parteitag nach der Landtagswahl 2002 verteilt. Wir waren ganz aufgeregt und dachten: »Das wird der absolute Knaller!« Allerdings hat das damals keiner der Genossen gemerkt (lacht).

Bliemel: Das hat uns allerdings nicht gestört.

Brodkorb: Um das zu verstehen, muss man noch einmal an die damalige Situation erinnern: Damals waren Harald Ringstorff und Sigrid Keler politisch die wichtigsten Akteure in der SPD. Wir haben auf Parteitagen manchmal über Stunden mit ihnen um 500.000 Euro gestritten – und häufig verloren. Wir waren dann immer ganz verzweifelt, weil wir nicht an das Geld für unsere tollen politischen Projekte herankamen.

Bliemel: Heute ist das anders…

Brodkorb: In vielerlei Hinsicht … Am Ende hat gerade der Sparkurs von Ringstorff und Keler dazu geführt, dass wir uns heute einen linken Kurs leisten können und einen Landeshaushalt mit größeren Spielräumen haben, z. B. für Kitas und Schulen. Das, was wir also mit horizonte erreichen wollten, ist in gewisser Hinsicht eingetreten, der Landesverband ist nach links gewandert – aber leider ohne unser Zutun. Das verdanken wir ironischerweise ausgerechnet unseren früheren parteiinternen Gegnern und ihrem konsequenten Sparkurs, den wir damals ganz fürchterlich fanden.

Bliemel: Das mag sein. Aber eigentlich hatte sich die Redaktion von dieser Unterwanderungsstrategie auch bald verabschiedet.

Brodkorb: Stimmt – nachdem wir den Dekalog der sozialistischen Tugenden abgearbeitet hatten, wurde es auf die Dauer langweilig, immer der Oberlehrer zu sein. Ich bin ja nach der Wahl 2011 aus dem Projekt ausgestiegen – warum habt ihr dann eigentlich weitergemacht?

Bliemel: Für mich hatte horizonte bald nichts mehr mit diesen Anfängen zu tun. Es war Sinn genug, die Dinge, die viele von uns bewegten, einmal aus anderen Perspektiven zu sehen, Gewohnheiten in Frage zu stellen, aus der Bequemlichkeit der eigenen festgefahrenen Anschauungen herauszukommen. Am Anfang war dies ein Ansatz, der sich sehr auf das Politische bezogen hat, später wurde es offener…

Brodkorb: … ein Zeitgeist-Magazin.

Bliemel: Ja, vielleicht trifft es das. Die Frage, die ich mir manchmal stelle: Kann man heute überhaupt noch durch das politische Schreiben, durch das ausformulierte Vortragen von Argumenten Menschen überzeugen oder wenigstens mit ihnen in eine Auseinandersetzung treten? Die Zeiten scheinen mir vorbei. Aber wo findet dann heutzutage die politische Diskussion, die Willensbildung statt?

Brodkorb: Ehrlich gesagt: Das weiß ich auch nicht recht … Die Zahl der Medien ist spätestens durch das Internet so ins Unendliche gewachsen, dass eigentlich kaum noch Relevanz erreicht werden kann. Es gibt keine zentralen Orte der Willensbildung mehr und kaum noch Raum für strukturierte Argumente. Wir jonglieren nur noch mit Gedankenfetzen. Das ist auf Facebook nicht anders als bei Fernsehtalkshows.

Bliemel: Das scheinen erfolgreiche Politiker heute verinnerlicht zu haben: Zum Regieren genügt es, den Eindruck zu vermitteln, man habe alles im Griff. Alles Konkrete würde in unserer fragmentierten Welt nur versickern oder gar stören. Du siehst: Es ist höchste Zeit, Neues zu beginnen …

Stephan Bliemel (1978) ist freier Autor, Verleger sowie Mitbegründer und Herausgeber des Magazins horizonte.
Mathias Brodkorb (1977) ist Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern, seit 2002 Mitglied des Landtages M-V sowie Mitbegründer und langjähriger Redakteur des Magazins horizonte.

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