»Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!«

Nach 21 Jahren Politik als Beruf hat Gottfried Timm noch einmal einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Ein Interview über das Enden und Neubeginnen mit Gottfried Timm

Abschied und Neubeginn: Der scheidende Innenminister Gottfried Timm (SPD) übergibt den Staffelstab (offenbar in Form einer Whiskeyflasche?) an seinen Nachfolger Lorenz Caffier (CDU). – Foto: Privat

horizonte: Herr Timm, Sie sind in der bewegten Wendezeit Politiker geworden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie einen neuen Beruf ergriffen hatten?

Gottfried Timm: Das habe ich gemerkt, als ich vom Präsidenten des Oberkirchenrates eine Urkunde erhielt, mit der ich als Pastor »in den Wartestand« geschickt wurde. Da wusste ich: Jetzt bist du raus – und fragte mich: Wo bist du gelandet?

horizonte: Für DDR-Bürger war der Beruf des Politikers ja etwas Neues. Wie hat Ihr damaliges Umfeld darauf reagiert?

Timm: Sehr unterschiedlich. Es gab Enttäuschungen, manche fühlten sich vielleicht allein gelassen, weil sie als politisch Aktive in der Kirche diesen Schritt nicht gegangen sind. Es gab aber auch prominente Unterstützer in der Kirchenleitung, die nicht wollten, dass die alten Kräfte wieder an die Macht kommen.

horizonte: Daraus sind 21 Jahre Politik als Beruf geworden. Kann man danach noch etwas anderes machen?

Timm: Na klar. Man muss allerdings die Verbindung zu sich selbst behalten. Ich hatte mal ein »Aha-Erlebnis«, als ich Mitglied des Bundesvorstandes der SPD war. Da habe ich einen prominenten Parteigenossen erlebt, der grau dasaß und nur darauf wartete, etwas sagen zu dürfen. Ich habe diesen Genossen als Person, als Menschen, nicht mehr erkannt. Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!

horizonte: Aber war nicht auch Ihr Ausscheiden vom Ende Ihrer Ministertätigkeit und der knappen Niederlage im Oberbürgermeisterwahlkampf in Schwerin geprägt?

Timm: Ich hatte schon vor 2006 überlegt, ganz aus der Politik auszusteigen. Dann bin ich geblieben, aber mit dem festen Vorsatz, mir mit der Klimaschutzpolitik noch einmal ein anderes politisches Feld zu erschließen. Das waren fünf intensive Jahre, in denen ich viel gelernt habe und das Gefühl hatte, auf der richtigen Seite zu stehen: Auf der Seite der »Bewahrung der Schöpfung« und eben nicht z.B. auf der Seite des Steinkohlekraftwerkes Lubmin. Was die Wahlniederlage betrifft: Ich kann und ich will damit leben. In einer Demokratie zu verlieren, das ist kein Gesichtsverlust. Auch mein Ministeramt war für mich immer ein Amt auf Zeit.

horizonte: Man hat das Gefühl, andere Spitzenpolitiker sehen das anders und wollen möglichst lange ihr Amt behalten. Haben Sie dafür Verständnis?

Timm: Eigentlich nicht. Ein politisches Amt muss immer ein Amt auf Zeit sein. Derzeit verändert sich die Welt so schnell durch die Globalisierung, die technischen Entwicklungen, den überbordenden Konsumismus, die kulturelle Entwurzelung – alles ist im Wandel und dieser Wandel muss sich auch im politischen System wieder finden. Demokratie ist Herrschaft auf Zeit.

horizonte: Aber viele Politikerkarrieren enden mit der Rente oder unfreiwillig durch Abwahl oder Rücktritt. Warum ist der selbstbestimmte Weg zurück in den alten Beruf so selten?

Timm: Das kann ich nicht beurteilen. Ich selbst habe erlebt, wie die Handlungsspielräume für Minister, aber vor allem für Abgeordnete fortlaufend kleiner wurden. Nichtigkeiten wurden gelegentlich aufgeblasen. In den 1990er Jahren war unser Gestaltungsspielraum in der Landespolitik bedeutend größer.

horizonte: Fiel Ihnen der Weg in eine neue Existenz leicht?

Timm: Es gab schon ein Vakuum, ich hatte noch kein konkretes Betätigungsfeld gefunden. Dann war ich erstmal längere Zeit Segeln in der Arktis. Unvorstellbar, wie dort der Klimawandel die Landschaft verändert. Nach meiner Rückkehr habe ich begonnen, ein sozialökologisches Wohnprojekt in Schwerin auf den Weg zu bringen. Und habe Kommunen und Unternehmen beim Thema Klimaschutzprojekte beraten. Dann hat die Mecklenburgische Kirche ein eigenes Energiewerk gegründet, um sich mit kircheneigenen regenerativen Ressourcen selbst zu versorgen, für das ich nun als Geschäftsführer tätig bin.

horizonte: Immer wieder flammt die Diskussion über fragwürdige Anschlussbeschäftigungen von Regierungsmitgliedern auf. Wie sehen Sie dies?

Timm: Wenn ein Kulturminister einen Bauernhof übernehmen will, soll er das tun. Aber wenn sich politische und wirtschaftliche Tätigkeit überschneiden, sollten Amtsträger eine Karenzzeit abwarten. Dass aber auch Politiker als Queraussteiger wieder zurück in die Gesellschaft gehen, sollten wir alle unterstützen. Dieses ist letztlich auch eine Frage von Anstand und Moral.

horizonte: Was können Sie denn jungen Menschen raten, die Berufspolitiker werden wollen?

Timm: Ich bin über jeden froh, der heute Lust auf Politik hat. Wir alle sind auf junge Leute angewiesen, die die öffentlichen Angelegenheiten in ihre Hände nehmen wollen. Ich rate jedem, zuvor einen Beruf zu ergreifen, um eine geerdete Verbindung mit den Menschen zu bekommen. So kann man »Mensch unter Menschen« bleiben. Wenn mir jemand mit 20 sagt: »Ich will Politiker werden«, dann interessiert mich sein Motiv. Manche haben falsche Vorstellungen über ihr zu erwartendes Gehalt, andere sind ideologisch geprägt. Politiker brauchen zwei Eigenschaften: Sie müssen nah bei den Menschen sein und sie müssen den Weitblick für die Folgen ihrer Entscheidungen entwickeln. Politik ist keine Wissensaufgabe, sondern eine emotionale Herausforderung: Denn man vertritt ja andere Menschen, das Volk.

horizonte: In der Rückschau: Be-reuen Sie die vielen Jahren, in der Sie Berufspolitiker gewesen sind?

Timm: Ich möchte keines dieser Jahre missen, auch wenn es manche schwere Phasen gab. Mit der Erfahrung von heute würde ich aber weniger auf »Sachzwänge« und mehr auf mich selber hören, trotz aller Kompromisse, die nötig sein können.

horizonte: Ist das Ende dann nicht bitter, weil man daran nichts mehr ändern kann?

Timm: Wenn man für sich erkennt, dass etwas zu Ende geht, dann sollte man die Kräfte sammeln, um dieses auch zu beenden. Erst dann ist ein Ende auch ein neuer Anfang. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich nur noch durchs Leben schleppt und sich selbst und andere unglücklich macht.

horizonte: Vielen Dank für das Gespräch! ϒ

Dr. Gottfried Timm (1956) ist Theologe und war von 1990 bis 2011 Landtagsabgeordneter der SPD und zwischen 1998 und 2006 Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Das Interview führte Stephan Bliemel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>