horizonte 43: Platte

Cover_800pxGleich vorweg: Ja, auch im »Westen« gab und gibt es die Platte. Dennoch: In der DDR wurden viermal so viele Großsiedlungen gebaut, die zehn größten Neubaugebiete sind dort errichtet worden, in Städten wie Rostock dominieren sie den Wohnungsbestand. Bei aller Relativierung: Der Plattenbau ist ein ostdeutsches bzw. osteuropäisches Phänomen. Und er war nicht nur ein besonderer architektonischer Weg, sondern auch in Beton gegossener Ausdruck des Gesellschaftsmodells im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Bis 1990 wurde die Platte produziert, danach ist sie übergangslos zur Erblast geworden. Und in kaum einem anderen Bereich wich die Selbstwahrnehmung der Ostdeutschen anfangs so von der Fremdwahrnehmung der Westdeutschen ab. Ursache war – wie so oft – die Übertragung eigener Erfahrungen auf äußerlich ähnliche Phänomene. Im Westen war die Vorstellung vom Leben in der Platte eng verknüpft mit den dortigen Problemen in Großsiedlungen: Jugendgewalt, Arbeitslosigkeit, hohem Ausländeranteil. Im Osten hingegen – Umfragen kurz nach der Wende bestätigten dies – fühlten sich die Bewohner der Platte aufgrund des vergleichsweise hohen Wohnkomforts privilegiert.

Das änderte sich schnell: Die Projektion der Westerfahrungen führte zu einem massiven Imageverlust der Platte. Die es sich leisten konnten, zogen weg, oft in ähnlich uniforme Neubausiedlungen in den Speckgürteln der Städte – aber dies ist schon wieder eine andere Geschichte. Was bleibt, sind hunderttausende Wohn-ungen in Plattenbauweise, mit und in denen wir sicher noch ein halbes Jahrhundert leben werden. Ob das gut geht?Lesen Sie in der horizonte 43:

Wer war schuld an der Platte? von Martin Klähn
Für die DDR-Bürger wurden die Neubaugebiete an den Stadträndern schnell zur Normalität. Aber auch sie hatten eine Vorgeschichte. Eine Spurensuche    

Paul oder Paula? von Stephan Bliemel
Der Plattenbau war nicht nur ein Architekturstil, sondern auch Ausdruck eines Gesellschaftsmodells. Die Künstler in der DDR erkannten dies früh. 

»Hier musst du weg!« Ein Interview mit Heike Walters
Während die allermeisten DDR-Bürger froh über die Zuteilung einer Neubauwohnung waren, wollte eine Schwerinerin bald wieder ’raus aus der Platte.

Kleine Freiheit Nummer 9 von Susanne Bliemel
Die DDR-Hausgemeinschaft, die neue Geselligkeit, bei der jeder mit jedem spielt, lacht und weint. Wie wir die Welt des Wohnblocks kollektiv gestaltet haben und zu welchem Preis.

Der Maulwurf in der Stadt – Illustrationen von Zdeněk Miller
Die schönen neuen Hochhauswelten trafen nicht nur auf Begeisterung. In einem seiner Kinderbücher thematisiert dies der tschechische Grafiker Zdeněk Miller.

»Woll’n Se’s kaufen?« – Fotografien von Sebastian Maiwind
Die Bewohner der Ernst-Thälmann-Siedlung in der Gemeinde Viereck (!) in Vorpommern nehmen den Besuch des horizonte-Fotografen mit Humor.

Vom Leerstand zur Warteliste von Erik Gurgsdies
Wie es die Wohnungsgesellschaften und die Stadt Greifswald geschafft haben, ein Problemviertel zu einem begehrten Wohngebiet zu entwickeln.

Das Brot der späten Jahre von Udo Knapp
In den Plattenbaugebieten leben viele alte Menschen. Ob diesen ein würdevolles Leben im Alter möglich sein wird, ist eine offene Frage. Ein Kommentar

Platt in der Platte von Susanne Bliemel
De Schweriner Verein »Die Platte lebt e.V.« engagiert sick in’t Niegbuuggebiet. Woans Plattdüütsch, Russisch un anner Saken tausamenhüüren

»Platte« machen von Robert Patejdl
Trotz Wohnungsleerstand gibt es auch in Plattenbaugebieten Obdachlose. In Toitenwinkel kümmert sich die Rostocker Obdachlosenhilfe darum.

 Vierundzwanzig Stunden Ostalgie von Silke-Maria Preßentin
In Berlin wird ein DDR-Plattenbau zum Touristenmagneten. Aus der ganzen Welt wollen junge Menschen im »Ostel« übernachten.

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