horizonte 41: Schulden

Das Vertrackte an den Schulden ist, dass mit ihnen offenbar eine »Schuld« verbunden ist. Und dies nicht nur im fiskalischen, sondern auch im moralischen Sinne. Zumindest lassen dies die gemeinsamen sprachlichen Wurzeln vermuten. So werden in vielen indoeuropäischen Sprachen die Wörter für »Schulden« synonym für »Sünden« verwendet. Der Begriff des »Kredits« wurzelt in dem Wort für »Vertrauen« oder »Glauben«. Das deutsche Wort »Geld« ist mit dem englischen Wort »guilt« (Schuld) verwandt.

Vor langer Zeit haben die Menschen wohl damit begonnen, über moralische Fragen in der Sprache des Marktes zu sprechen. In biblischen Zeiten war dies naheliegend. Ein Großteil der einfachen Bevölkerung war ständig von Schuldknechtschaft bedroht. Wenn Jesus über die Erlösung von der Schuld sprach, hatte dies auch immer soziale Anknüpfungspunkte, die sehr konkret zu verstehen waren.

Heute ist von Vergebung der Schuld und der Schulden nicht mehr (oder noch immer nicht?) viel zu spüren. Aber die synonymen Begriffe sind geblieben und verwirren unser Denken und Handeln. Muss man seine Schulden zurückzahlen? Auch wenn dies zu Leiden und Tod führt wie in manchen Entwicklungsländern, deren Zinszahlungen an die Industrieländer inzwischen die Höhe der ursprünglichen Kredite bei weitem überstiegen hat?

Wo das Sparen und das Schuldentilgen zum Dogma wird, sind Zweifel angebracht. Es sollte in jedem Einzelfall abgewogen werden, ob die Effekte von Zinseinsparungen positiver sind, als der Nutzen von zusätzlichen Investitionen in die Zukunft. Erst dann wird aus Selbstzweck wieder Politik.

PS: Wir fühlen uns geehrt, dass wir in dieser Ausgabe mit Paul Krugman und Martin Schulz gleich zwei Nobelpreisträger exklusiv für unser Magazin gewinnen konnten!

PPS: Ab sofort ist horizonte auch in den gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen unseres Bundeslandes erhältlich.Lesen Sie in der horizonte 41:

»Und vergib uns unsere Schuld, …« von Klaus-Dieter Kaiser
»… wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« Von unserem Umgang mit den Schulden und der Schuld. Einige theologische Anmerkungen

Was die Welt im Innersten zusammenhält von Stephan Bliemel und Erik Gurgsdies
Mit seinem Buch »Schulden – die ersten 5.000 Jahre« stellt der Ethnologe David Graeber die Diskussion über Schulden vom Kopf auf die Füße. Ein Rezensionsgespräch

Keiner versteht die Schulden von Paul Krugman
Die Angst vor einer zu hohen Staatsverschuldung dominiert derzeit die politische Agenda. Viele der Verantwortlichen haben jedoch keine Ahnung, wovon sie eigentlich reden.

»Wir brauchen einen demokratie-konformen Markt« Interview mit Martin Schulz
Die Schuldenkrise hat die Europäische Union in die vielleicht schwierigste Krise ihrer Geschichte geführt. Wir sprachen darüber mit dem Parlamentspräsidenten. 

Schampus und Dosenbier von Silke-Maria Preßentin
Griechenland war lange Zeit der Sehnsuchtsort vieler Europäer. Die Schuldenkrise erschüttert nun das Land und die Touristen bleiben aus. Impressionen aus einem Krisengebiet

Das Ernie- und Bertlandprinzip von Erik Gurgsdies
Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Denn wenn alle nur noch sparen, sinkt am Ende unser aller Wohlstand. Ein Gedankenexperiment

Staatsschulden-Quartett
Warum sprechen eigentlich alle von Griechenland und niemand von Japan? Und wussten Sie, dass Estland ein finanzpolitisches Musterland ist? Das Staatsschulden-Quartett zeigt Überraschendes.

Lehren aus dem Selbstbetrug von Udo Knapp
Die Deutschen haben lange Jahre vom Wirtschaftsgefälle im Euroraum profitiert. Jetzt ist es Zeit, etwas zurückzugeben. Ein Kommentar

Der Herr der Schulden von Stefan Bruhn
Auch wenn Mecklenburg-Vorpommern seit 2006 keine neuen Schulden mehr macht, bleibt für den »Kreditmanager« Dr. Frank Bornholdt im Schweriner Finanzministerium viel zu tun. 

Großes Glück durch kleine Schulden? von Robert Patejdl
In zahlreichen Entwicklungsländern hat sich das Konzept der Mikrokredite als Erfolg erwiesen. Eine Chance auch für Mecklenburg-Vorpommern?

Nobel geiht de Welt tau Grund’ von Susanne Bliemel
»De dörch de Achterdör kamen, de hebben kein Geld!« Up’n Dörp kein Geld tau hebben, wier suspekt. Oewer dat riek warden för ’n Appel un ’n Ei …

Collage: »Kredit« von Sebastian Koth 

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