»Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?«

Aus: Dora Menzler, »Von der Schönheit deines Körpers«, Verlag Dieck & Co, Stuttgart 1927

Anhänger der Freikörperkultur suchten einst die Harmonie mit der Natur. Heute befindet sich die Tradition des FKK auf dem Rückzug. Eine Spurensuche.

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Angezogensein ist Kultur, Nacktheit ist Wildnis. So lässt sich die öffentliche Meinung der letzten Jahrhunderte zusammenfassen, jedenfalls wenn man nicht davor zurückschreckt, sie auch mal lässig über einen besonders groben Kamm zu scheren.

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Um die Mittagszeit auf dem Weg durch Wustrow. Auf den Gehwegen entlang der Strandstraße liegen von den Bäumen herbeigewehte Blüten und verwandeln mit der Nässe des letzten Regens das Pflaster in eine Rutschbahn, auf der die Touristen mehr kontrolliert straucheln als flanieren. Ich stehe vor einem alten Haus, reetgedeckt und sehr gepflegt, von einer nicht sehr hohen Hecke umgeben. Hier lebte und wirkte seit 1919 die »Gymnastiklehrerin« Dora Menzler. Am Wustrower Strand und in dem Garten, vor dem ich stehe, veranstaltete sie Tanzseminare und Übungen mit den Studentinnen. Zeitweise leicht bekleidet, meistens nackt. Halb spöttisch, halb liebevoll wurden sie von den Einheimischen meist als »die Hüppers« bezeichnet.

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Der Begriff der Freikörperkultur entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, als immer mehr Menschen in den urbanen Regionen sich nach mehr Nähe zur Natur und Ursprünglichkeit sehnten. »FKK« war eben nicht nur »nackt sein« – mit dem Ablegen der Bekleidung wollte man sich gleichzeitig auch in anderen Belangen aus der Enge der bürgerlichen Gesellschaft befreien. Entsprechend erschufen links- wie rechtsgerichtete radikalere politische Strömungen ihre eigenen Nacktheitsideologien, entweder durch Betonung von Freiheit und Gleichheit oder durch physische Ertüchtigung und Körperkult statt -kultur.

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Dora Menzler wurde von den Nationalsozialisten gezwungen, die Leitung ihrer Tanzschule aufzugeben. Sie ging nach Wustrow, wo sie zurückgezogen in dem Haus lebte, das zuvor der Ort heiterer körperlicher Betätigung gewesen war. Was der Rückzug dieser frühen Aktivistin der FKK für Folgen hatte, wissen wir nicht. Aus den 70er und 80er Jahren überliefert ist das Bild einer scheinbar freizügigen, FKK-affinen DDR.

Einen Kontrapunkt zu diesem Bild setzt eine Begebenheit, die 1951, just im Todesjahr von Dora Menzler, spielt: Ein gewisser Johannes R. Becher, Kulturminister der noch jungen DDR, befand sich auf einem Strandspaziergang, als eine Frau in den besten Jahren nackt aus dem Wasser stieg. Becher soll diese Frau mit den Worten »Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?« angeschrien haben. Bei der nackten Dame handelte es sich um Anna Seghers, die wenig später von ebendiesem Kulturminister den Nationalpreis der DDR verliehen bekam. Als Becher seine Laudatio mit den Worten »Meine liebe Anna …« begann, konterte diese vor versammeltem Publikum: »Für dich immer noch die alte Sau«.

Auch dieses nach Punkten gewonnene Scharmützel konnte jedoch nicht verhindern, dass 1954 ein generelles Nacktbadeverbot über das Staatsgebiet der DDR verhängt wurde, welches erst seit 1956 wieder Auflockerungen erfuhr.

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In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einer weitgehenden Trennung zwischen harter politischer Ideologie und dem puren Wunsch, natürlich und frei – eben nackt – zu sein.

Zwar finden sich in den Stellungsnahmen der Internationalen Naturisten-Föderation noch deutliche Überreste der einstmaligen reinen FKK-Lehre, die gesellschaftliche Tragweite dürfte aber ähnlich gering sein wie der Bekanntheitsgrad dieser Organisation, die in ihren Statuten beharrlich feststellt: »Der Naturismus ist eine Lebensart in Harmonie mit der Natur, sie kommt zum Ausdruck in der gemeinschaflichen Nacktheit, verbunden mit hoher Selbstachtung sowie im Respekt vor Andersdenkenden und der Umwelt.« Diese hehren Ziele werden jedoch zunehmend unterlaufen, insbesondere die immer häufigere Bezeichung eindeutig zweideutig angelegter Etablissements als FKK-Stätten pervertiert das Konzept und führt zu Irritationen.

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»FKK zwischen Ostsee und Vogtland« heißt ein Buch aus dem VEB Tourist Verlag von 1987. In ihm finden sich detailreiche Beschreibungen von insgesamt 57 offiziellen Horten der Nacktheit, quer verteilt über die gesamte DDR. Viel ist davon nicht geblieben, im FKK-Reiseführer Europa 2012 sind in Ostdeutschland nur noch acht Standorte verzeichnet, in Westdeutschland sind es 83. Alles nur »Westpropaganda« des Drei Brunnen Verlags aus Plüderhausen bei Stuttgart? Leider nein.

An der Seebrücke von Wustrow biege ich ab und laufe die Promenade entlang. Doch nach dem dritten Strandaufgang herrscht Klarheit: Auch hier hat sich der Textilwahn Bahn gebrochen und prangt als offizielles Enthüllungsverbot an den Strandaufgängen.

Bedrückt begebe ich mich auf den Wustrower Friedhof. Um Dora Menzlers Grabstätte herum liegen die Gräber vieler verblichener Kapitäne, Doktoren und ruhmreicher Familien des Ortes.

Im Paradies, dem bekanntlich größten FKK-Ressort, das je von Menschen erdacht wurde, werden sie alle nackt und vielleicht sehr dankbar sein, eine ans unbekleidete Arbeiten gewöhnte Gymnastiklehrerin zu kennen.

Robert Patejdl (1982) ist horizonte-Redakteur und arbeitet als Arzt.


Ein Gedanke zu “»Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?«

  1. Gut. In Greifswald belehrte mich das Publikum nach einem Vortrag, dass das FKK heute nicht mehr das ist, was es früher einmal war. In der DDR galt bis 1956 die preußische Badeordnung. Diese wurde auf Veranlassung des Kulturbundes mit Bechers Unterstützung aufgehoben und durch eine neue Badeordnung ersetzt, die FKK an gekennzeichneten Strandabschnitten zuließ. Das war der Ausgangspunkt für den Siegeszug des FKK in der DDR.

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