Paul oder Paula?

Der Plattenbau war nicht nur ein Architekturstil, sondern auch Ausdruck eines Gesellschaftsmodells. Die Künstler in der DDR erkannten dies früh.
von Stephan Bliemel 

Als 1973 der Film »Die Legende von Paul und Paula« in die DDR-Kinos kam, wurde er auf Anhieb ein Kassenschlager: 3 Mio. Zuschauer nahmen Anteil am Schicksal der beiden Liebenden, die aufgerieben werden zwischen der Sehnsucht nach dem eigenen Glück und den Zwängen einer auf Gemeinschaft und Ordnung getrimmten Umwelt.

Zur zentralen Metapher des Films wird dabei eine Szene, die sich in unterschiedlichen Variationen durch den gesamten Film zieht: Ein grauer, leergezogener und völlig heruntergekommener Altbau wird gesprengt, während im Hintergrund dieser Szenerie schon der strahlend helle Plattenbau der neuen Zeit dem Himmel entgegenwächst.

Anhand dieser ins Bild gesetzten Allegorie wird der Konflikt der Handlung erzählt: Paula, eine junge allein erziehende Mutter, lebt irgendwo im Berliner Altbau, pfeift auf Karriere und Konventionen – sie arbeitet in der Flaschenannahme einer Kaufhalle – und sehnt sich nach Liebe, Farbe und Abenteuer. Der Lebensweg Pauls ist ein anderer: Er wählt die schöne Ines – eine Jahrmarktbekanntschaft – zur Frau, geht drei Jahre zur Armee und beginnt eine aufstrebende Karriere als persönlicher Referent eines SED-Oberen. Symbolisch damit verbunden ist der Umzug in eine der neuen Plattenbau-Wohnungen – inzwischen ist auch ein Kind da –, wo es sich die Kleinfamilie behaglich macht: Fernseher, Schrankwand, MuFuTi.

In der märchenhaften Bild-Logik des Filmes steht Paulas Altbau auf der einen Seite der Straße genau gegenüber von Pauls Plattenbau. Ihre Blicke und Wege kreuzen sich und das Schicksal nimmt seinen Lauf …

Die große Stärke und anhaltende Faszination dieses Filmes ist es, dass er nicht einseitig Stellung bezieht. Zwar flieht Paul am Ende aus seinem Plattenbau und seiner Ehe in das wild-romantische Altbau-Leben Paulas, aber das Flower-Power-Glück ist nur kurz: Paula stirbt bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes, für das sie sich trotz eindringlicher Warnungen ihres Arztes entschieden hat. Dieses Liebesleben entgegen aller Konventionen ist also doch nicht lebbar – auch Paulas Haus wird am Ende gesprengt und Paul zieht mit den Kindern erneut in einen Plattenbau. Mit nimmt er einzig ein Schwarz-Weiß-Foto der beiden sowie das gemeinsame alte Bett, das nun schrägstehend in den sonst so geraden Plattenbauzimmern die letzte romantische Subversion in der normierten Neubauwelt darstellt.

Der unerhörte Clou des Films – die Verknüpfung von Architekturformen mit den Lebens- und Weltanschauungen der Charaktere – ist jedoch nicht nur eine originelle künstlerische Idee des Drehbuchautors Ulrich Plenzdorf und des Regisseurs Heiner Carow. Sie fußt auf der tatsächlichen Politisierung der Bauformen im Zeitalter des Kalten Krieges. Erstaunlicherweise begann diese architekturtheoretische Auseinandersetzung zwischen Ost und West unter umgekehrtem Vorzeichen: Während man nach dem Krieg in Westdeutschland versuchte, an die moderne Architektur der Weimarer Republik anzuknüpfen, entwickelte man in der jungen DDR das Leitbild der »schönen deutschen Stadt« und wollte »nationale Traditionen« wieder aufnehmen. So bevorzugte man hier die monumental-historisierende Ziegelbauweise (Stalinallee) und diskreditierte die ersten Plattenbausiedlungen in Westdeutschland als »schmucklose, primitive Kästen, die den Menschen in eine Maschine verwandeln wollen.« Erst Stalins Tod läutete die »große Wende im Bauwesen« ein. Chruschtschow postulierte, dass zukünftig »billiger, besser und schneller« gebaut werden sollte. Das war der Startschuss für den industriellen Plattenbau, der schließlich die Architektur des gesamten Ostblocks prägen sollte.

Schnell wurde deutlich, dass es sich dabei nicht nur um eine ökonomische Entscheidung handelte. Die neu zu errichtenden »sozialistischen Wohnkomplexe« sollten Ausdruck und Anregung einer »sozialistischen Lebensweise« werden. Auf private Freiflächen, die Zurückgezogenheit ermöglichten, wurde konsequent verzichtet, alles war öffentlich – den Besitzverhältnissen entsprechend. Die Haushaltsführung sollte möglichst vergesellschaftet werden, mittels Waschstützpunkten und Wohngebietsgaststätten sollten diese Funktionen ausgelagert werden. Daher wurden in den ersten Plattenbautypen nur winzige innenliegende Küchen und Bäder geplant. Auch die äußerliche Gleichförmigkeit der Platte wurde ideologisch begründet. Hans Schmidt, Cheftheoretiker des frühen DDR-Bauwesens, sah den sozialistischen Städtebau auf dem Weg, »gestützt auf das sozialistische Bodenrecht und die sozialistische Bauwirtschaft, an die Stelle der Unordnung und der Uneinheitlichkeit der kapitalistischen Stadt die Einheit und die Zusammenfassung zu setzen.«

Da in der Konsequenz dieser Anschauung die »bürgerlich-kapitalistischen« Altbauten in den Innenstädten systematisch vernachlässigt wurden, nahm die schnell wachsende DDR-Bevölkerung den neu gebauten modernen Wohnraum mit Fernheizung und fließendem Warmwasser dankbar an. Doch der Erfolg des Filmes »Paul und Paula« zeigte, dass die Ambivalenz, also auch die Verluste, die mit diesem neuen »sozialistischen« Wohnen verbunden waren, durchaus wahrgenommen wurden. Besonders intensiv widmete sich die schon 1973 jung verstorbene Autorin Brigitte Reimann in ihrem bedeutenden Roman »Franziska Linkerhand« diesem Stoff. Die Hauptfigur Franziska, eine junge Architektin aus großbürgerlichem Haus, entflieht ihrem Milieu, der alten großen Residenzstadt (vermutlich Dresden) auf der »die Schatten von gestern sitzen.« Sie möchte nach Neustadt, ein fiktionalisiertes Hoyerswerda, um frei zu sein und mit am neuen Leben zu bauen. Doch die Lebenswirklichkeit in einer am Reißbrett geplanten und mit typisierten Häusern gebauten Stadt entpuppt sich schon bald als ernüchternd. Der scheidende Projektleiter vor Ort offenbart angetrunken der gerade angekommenen Franziska sein resigniertes Fazit: »Was Sie hier sehen, meine junge Freundin, ist die Bankrotterklärung der Architektur. Häuser werden nicht mehr gebaut, sondern produziert wie eine beliebige Ware, und an die Stelle des Architekten ist der Ingenieur getreten.«

Man täte dem Roman allerdings unrecht, wenn man ihn nur vor der Folie dieser architekturpolitischen Auseinandersetzung lesen würde. Es ist ein unendlich reiches, anrührendes, bedrängendes Buch, das erzählerisch anspruchsvoll die Tragik der DDR anhand der Ambivalenzen des sozialistischen Städtebaus deutlich macht: So wie die DDR ein Versuch war, aus den Trümmern des Krieges eine neue, bessere Gesellschaft zu schaffen, sollte die neue typisierte Bauweise ein klassenloses Wohnen in einer Gemeinschaft von Gleichen ermöglichen. Doch in beiden Fällen wurde mit dem Blick auf das große Ganze das Besondere und Schützenswerte des einzelnen Menschen übersehen.

Stephan Bliemel (1978) ist freier Autor, Verleger und Redakteur des Magazins horizonte.

 

Wer war schuld an der Platte?

Ein Bauarbeiter bei der Montage eines Plattenbaus in Schwerin (1987)

Ein Bauarbeiter bei der Montage eines Plattenbaus in Schwerin (1987)

Für die DDR-Bürger wurden die Neubaugebiete an den Stadträndern schnell zur Normalität. Aber auch sie hatten eine Vorgeschichte. Eine Spurensuche    von Martin Klähn

Die Bauhäusler?
Baustoffkunde hieß das Fach im ersten Studienjahr an der Ingen-ieurhochschule Cottbus, in dem die Studenten das Plattenwerk der Hochschule besuchten, um etwas über Zement und Zuschlagstoffe, Sieblinien und Betondeckung zu hören. Dort wurde der enorme Vorfertigungsgrad des DDR-Wohnungsbaus als weltweit einzigartig herausgestellt. Die gesamte Wand einer Wohnung wurde als Mehrschichtenplatte mit Fenster, usw. im Plattenwerk vorgefertigt, auf die Baustelle versetzt und dort verschweißt. Sodann rückten die Ausbaugewerke an. Bei dieser Form des Hausbaus wurden natürlich keine Stuckateure, Zimmerleute oder ähnliche Gewerke mehr gebraucht, sondern Montagefacharbeiter, Kranfahrer und Betonbauer, so dass immer weniger befähigte Handwerker zur Verfügung standen, die den Verfall der Innenstädte hätten aufhalten können. Wem aber ist die Idee der Vorfertigung zu verdanken? Walter Gropius hatte die Idee, Konstruktionselemente für Wohnungsbauten industriell auf Vorrat herstellen zu lassen. Allerdings hatte er noch den Anspruch einer künstlerischen Gestaltung der vorgefertigten Häuser. Jedoch erwies sich schon seine erste Versuchsreihe in Dessau-Törten mit 216 Wohnhäusern als wirtschaftlich nicht rentabel.

Der zweite Weltkrieg?
»Berlin 1945: Eine Radierung von Churchill, nach einer Vorlage von Hitler«, so Brecht. Der Statistik zufolge waren in den Westzonen 21 Prozent des Wohnungsbestandes zerstört, in der Ostzone hingegen lag die Zerstörung mit 10 Prozent vergleichsweise niedrig. Zwar wuchs auch hier die Wohnbevölkerung infolge des Zuzugs von Flüchtlingen und Vertriebenen deutlich an, allerdings nur bis 1948, denn viele flüchteten weiter. 1950 definierte die DDR den Wohnungsbau als Bestandteil der staatlichen Planwirtschaft und unterstellte die Bebauung des Bodens der staatlichen Verfügung im Interesse des Volkes. Die Mieten wurden auf dem Stand von 1936 eingefroren, was ca. 3 Prozent vom Haushaltseinkommen ausmachte und die Wohnungen wurden durch die Wohnraumlenkung zugewiesen. 1955 wurde der Übergang vom traditionellen zum industriellen Bauen beschlossen und die Handwerksbetriebe in die Baukombinate eingegliedert. Der Übergang zur Plattenbauweise war geschafft.

Die Partei?
Früher lebten in den Städten Bürger. Stadtluft macht frei, hieß es. Da es nur wenige Städte gab, gingen viele lieber gleich nach Amerika. Diesen alten Gewohnheiten schob die Arbeiter- und Bauernmacht, vulgo die Partei, einen Riegel vor und machte damit ihre Einwohner zu Insassen, die ab sofort »Wohnhaft« hatten. Immerhin konnte mensch jetzt wieder aufs Land ziehen, um dem drängenden Zugriff der Erbauer der Zukunft wenigstens teilweise zu entgehen. Keine Gewissheiten gelten für immer.
Derweil wurde in der Stadt das Bürgerliche im Wohnungsbestand überwunden. Dieses manifestierte sich in bröckelnden Fassaden und löchrigen Dächern und wenn man es loswerden wollte, musste es einfach nur sich selbst überlassen bleiben. »Ruinen schaffen – ohne Waffen«, urteilte der Volksmund und berichtete die Geschichte der zweifach kampflosen Übergabe der Stadt Greifswald: Der tapfere Kommandant Rudolf Petershagen verweigerte die Verteidigung Greifswalds, schickte Emissäre und übergab die Stadt an die Rote Armee. Die zweite kampflose Übergabe der Stadt passierte nach Gründung der DDR und zwar an den VEB Kommunale Wohnungsverwaltung. Diese Übergabe haben große Teile der Stadt nicht überstanden.

Die Architekten?
»Im sozialistischen Städtebau ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Kein Architekt wird heute auf den Gedanken kommen, die Fassaden seiner Bauten mit Halbsäulen, Pilastern, Voluten und Giebeln zu schmücken. Die industrielle Bauweise leitet den Architekten zur Sachlichkeit, aber sie hat ihn auch gelehrt, dass es eine Schönheit des Sachlichen gibt.« Schrieb Georg Piltz 1975. Die individuelle Entwurfsarbeit der Architekten wurde vor dem Hintergrund des produktionstechnisch bestimmten Arbeitszusammenhanges überflüssig und unerwünscht. Die städtebaulichen Planungen und Realisierungen wurden vom Produktionsprozess und seinen Bedingungen abgeleitet, so wie es Bruno Flierls Begriff der »Kran-Ideologie« treffend beschreibt. Die Architekten, eigentlich Baukünstler, verkamen zu Handlangern in einer Häuserfabrik.

Jedenfalls waren nicht alle von der Platte begeistert. »Im Sommer stinkt es nach dem Müllschlucker und manchmal nach Klo. Radiomusik dudelt den ganzen Tag durchs Haus. Selbst am Sonntagmorgen. Überhaupt steckt das Haus voller Geräusche. Sie dringen durch die Wände ein, über die Rohrleitungen. Ein undeutliches, gleichbleibendes Gemisch von Stimmen. Aber, man gewöhnt sich daran, hört es nicht mehr. Still ist es hier nur spät nachts«, schrieb Christoph Hein in seiner Novelle »Der Fremde Freund«. Und Alfred Wellm stellte fest: »Weißt du, was unseren Blöcken fehlt, sie haben keinen Charakter, sie sind weder hässlich, noch sind sie schön. Sie sind ohne Zeit, sie haben nichts, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Manchmal denke ich, wenn wir Buden aus Blech und Knüppeln bauen würden, vielleicht könnte der Mensch in ihnen überleben, aber in unseren Blöcken, versteh mich, auf die Dauer kann er es nicht.« ϒ

Martin Klähn (1959) arbeitete als Maurer, studierte dann Bauingenieur und ist heute in der politisch-historischen Erwachsenenbildung tätig.

horizonte 43: Platte

Cover_800pxGleich vorweg: Ja, auch im »Westen« gab und gibt es die Platte. Dennoch: In der DDR wurden viermal so viele Großsiedlungen gebaut, die zehn größten Neubaugebiete sind dort errichtet worden, in Städten wie Rostock dominieren sie den Wohnungsbestand. Bei aller Relativierung: Der Plattenbau ist ein ostdeutsches bzw. osteuropäisches Phänomen. Und er war nicht nur ein besonderer architektonischer Weg, sondern auch in Beton gegossener Ausdruck des Gesellschaftsmodells im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Bis 1990 wurde die Platte produziert, danach ist sie übergangslos zur Erblast geworden. Und in kaum einem anderen Bereich wich die Selbstwahrnehmung der Ostdeutschen anfangs so von der Fremdwahrnehmung der Westdeutschen ab. Ursache war – wie so oft – die Übertragung eigener Erfahrungen auf äußerlich ähnliche Phänomene. Im Westen war die Vorstellung vom Leben in der Platte eng verknüpft mit den dortigen Problemen in Großsiedlungen: Jugendgewalt, Arbeitslosigkeit, hohem Ausländeranteil. Im Osten hingegen – Umfragen kurz nach der Wende bestätigten dies – fühlten sich die Bewohner der Platte aufgrund des vergleichsweise hohen Wohnkomforts privilegiert.

Das änderte sich schnell: Die Projektion der Westerfahrungen führte zu einem massiven Imageverlust der Platte. Die es sich leisten konnten, zogen weg, oft in ähnlich uniforme Neubausiedlungen in den Speckgürteln der Städte – aber dies ist schon wieder eine andere Geschichte. Was bleibt, sind hunderttausende Wohn-ungen in Plattenbauweise, mit und in denen wir sicher noch ein halbes Jahrhundert leben werden. Ob das gut geht? Weiterlesen