Nur Ehrlichkeit hilft

Für die einen sind es Stereotype, für die anderen ist es die Wirklichkeit: Im Umgang mit polnischer Kriminalität im deutschen Grenzraum sollten beide Seiten ehrlicher werden.

Zu den wichtigsten Erfolgen der vergangenen 20-jährigen deutsch-polnischen Zusammenarbeit in der Grenzregion zählen meines Erachtens das tiefe, gegenseitige Vertrauen und die Breite und Kultur des Dialoges, die wir erreicht haben. Natürlich nicht jeder mit jedem, aber mit Sicherheit zwischen all jenen, die sich für die Entwicklung guter nachbarschaftlicher Beziehungen engagieren und so auch den Ton bestimmen.

In der Praxis zeigt sich, dass wir dadurch heute über schwierige oder peinliche Fragen offen reden können. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Seiten gemeinsam nach einer einvernehmlichen Lösung suchen, ist größer geworden als das Risiko, dass sich ein Partner verletzt fühlt.

Ein solches Problem ist die Grenzkriminalität. Auch wenn es Stimmen gibt, die »polnische Kriminalität in deutschen Landkreisen« zum  Stereotyp erklären, so glaube ich, leider, dass vor allem die Kleinkriminalität, deren Opfer deutsche Bewohner grenznaher Orte sind und deren Täter von der polnischen Seite der Grenze stammen, Wirklichkeit ist. Da helfen auch keine Statistiken. Wir wissen, dass diese Erscheinung nach Polens Schengen-Beitritt zugenommen hat und dass sie peinliche Berührtheit auf der einen und Ungeduld wie auch Ablehnung auf der anderen Seite hervorruft – Ablehnung der offenen Grenzen wie auch der ungeliebten Nachbarn.

Warum wird ausgerechnet dieses Thema nicht offen diskutiert, warum  wird nicht gemeinsam nach einer Lösung gesucht? Ich sehe hier zwei Barrieren, davon die eine in Polen und die zweite auf der deutschen Seite.

In Polen scheint es mir ganz besonders das mangelnde Bewusstsein über die Bedeutung der Grenzkriminalität zu sein und damit zusammenhängend Ungläubigkeit und Zweifel. Die einen sind bereit, das Problem zu bagatellisieren, andere stellen es in Frage oder verurteilen jede Erwähnung als tendenziell polenfeindlich.

Eher selten berichten polnische Medien – regional wie überregional – über polnische Kriminalität in Deutschland. Und auch die Sprachbarriere (und dadurch der begrenzte Zugang zu Informationen aus dem deutschen  Grenzland) tragen dazu bei, dass die Grenzkriminalität im polnischen Bewusstsein kaum existiert.

Auf deutscher Seite ist, so glaube ich, die »Politische Korrektheit« die größte Barriere. Mein Eindruck ist, dass viele unserer deutschen Nachbarn aus Angst vor einer Vergiftung des Klimas einer guten Nachbarschaft (und sicherlich auch in Erwartung einer negativen Reaktion der polnischen Öffentlichkeit) dieses Thema umgehen.

Ich erinnere mich an einen Versuch, dieses Problem offen und öffentlich in Stettin zu diskutieren, gemeinsam initiiert von polnischen und deutschen Journalisten, organisiert von den befreundeten
Tageszeitungen beider Grenzseiten. Der Vertreter des Schweriner Landeskriminalamtes stellte damals die These der Diskussion in Frage und behauptete, es gebe weder einen statistischen Hinweis auf ein Anwachsen der Kriminalität in den grenznahen Landkreisen noch auf eine vermehrte Beteiligung ausländischer Täter. Die Diskussion verstummte, noch bevor sie begann. Und die Journalisten, die sich in der Grenzregion auskennen, fragten sich, warum es denn so schlecht ist, wenn es doch so gut scheint?

Aus Stettiner Sicht scheint mir, dass die brandenburgische Verwaltung Kriminalität an der Grenze offener zur Sprache bringt, als die mecklenburg-vorpommersche, was dort die Ergreifung konkreter Maßnahmen zur Lösung des Problems erleichtert. Wenn auch die Frage gestattet sein muss, ob die Zusammenarbeit polnischer und deutscher Polizisten hier ausreichend erscheint.
Die Grenzkriminalität jedenfalls ist kein rein polizeiliches Problem. Vielmehr schafft das mangelnde Bewusstsein und die Gleichgültigkeit im Umgang mit diesem Problem eine Atmosphäre der Toleranz in der polnischen öffentlichen Meinung. Das ist der Boden, auf dem gestohlene Landmaschinen oder Buntmetalle ihre Abnehmer und Diebe und Hehler den ihnen wichtigen Raum finden.

Ganz anders wäre es, wenn die polnische Öffentlichkeit anders reagierte. Wenn die Grenzkriminalität öffentlich diskutiert würde, wenn man nicht mit Hilfe vorgeschobener Argumente, wie z.B. der alleine durch negative, historische Stereotype begründeten deutschen Polenfeindlichkeit oder mit Verweis auf die Aktivitäten rechtsradikaler Gruppen dieser Diskussion aus dem Weg ginge.

Kein deutsch-polnisches Volksfest, kein Kulturprogramm und auch kein Regierungsprogramm zur Bekämpfung der Polenfeindlichkeit werden helfen, solange die Nachbarn nicht an ihre Sicherheit glauben und darauf vertrauen, dass man in Polen dieses Problem ernst nimmt und es bekämpft, am besten gemeinsam mit den Deutschen.

Am Anfang aber muss der Dialog stehen, laut und offen, öffentlich und ehrlich. Ein Dialog, bei dem es keine deutsche und keine polnische Seite gibt, denn auf der einen Seite stehen die, denen an guter
Nachbarschaft gelegen ist, während der anderen Seite dies gleichgültig ist. Gemeinsam haben wir also noch viel zu tun.

Andrzej Kotula (1958), Szczecin/Stettin. Mitglied und Begründer des Deutsch-Polnischen Journalistenclubs »Unter Stereo-Typen / Pod Stereo-Typami«.

Der Text wurde von Mathias Enger aus dem polnischen Original ins Deutsche übersetzt. 

 

horizonte 42: Polen

Heft 42: Polen

Wir Deutsche haben neun Nachbarn. Und von diesen sind uns die Franzosen am liebsten – so bestätigen es zumindest regelmäßig verschiedene Bevölkerungsumfragen. Unsere polnischen Nachbarn im Osten hingegen werden von uns noch immer mit zurückhaltender Skepsis betrachtet. Allerdings gibt es seit der Wende langsam, aber spürbar, wachsende Sympathien für die Polen. Vor allem die Klischees verändern sich: Dominierten in der Vergangenheit Vorstellungen von »Rückständigkeit«, »Armut« und »Kriminalität« die Meinung des Stammtisches, kommt immer häufiger die Anerkennung eines besonderen »Fleißes« hinzu. Ausdruck fand dies kürzlich in einer vielbeachteten Aussage des Bundespräsidenten Joachim Gauck, der in Neapel (!) befunden haben soll, dass die Polen fleißiger als die Deutschen seien.

Ob nun die Fleißigsten immer auch die Sympathischsten sind, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall tut sich etwas in unserem Nachbarland. Selbst während des schweren Krisenjahres 2009, in dem die deutsche Wirtschaft um 5,1 % geschrumpft war, gab es in Polen noch ein anständiges Wachstum. Seitdem spricht man gerne vom »Weichsel-Tiger«, der auf dem Sprung nach vorne sei. Und wer unser Nachbarland mit offenem Blick besucht, wird auch jenseits der Ökonomie etwas von dieser Dynamik spüren. Man trifft dort auf eine von Jugendlichkeit und Aufbruch geprägte Gesellschaft, die ihren Platz in der Welt sucht und von den neuen Freiheiten nicht genug bekommen kann.

Wir Ostdeutschen gehörten ja einmal irgendwie dazu – zu diesem jungen Osteuropa. Dann kam die Wende. Der Anschluss an die gefestigte und gesättigte Bundesrepublik hat uns zwar Wohlstand und Sicherheit gebracht. Gekostet hat es uns aber den Stolz der Selbstverantwortung und den Mut zur Freiheit. Insofern lohnt sich ein Blick über den östlichen Gartenzaun besonders. Weiterlesen