Keiner versteht die Schulden

Paul Krugman (Foto: © Holger Motzkau, CC-BY-SA 3.0)

Paul Krugman
(Foto: © Holger Motzkau, CC-BY-SA 3.0)

Die Angst vor einer zu hohen Staatsverschuldung dominiert derzeit die politische Agenda. Viele der Verantwortlichen haben jedoch keine Ahnung, wovon sie eigentlich reden.

Im Jahr 2011 befand sich Amerika wie schon 2010 in einer leichten Erholungsphase, litt aber nach wie vor an einer katastrophal hohen Arbeitslosigkeit. Und wie schon 2010 drehte sich auch während des größten Teils des Jahres 2011 in Washington fast alles um etwas anderes: um das angeblich dringende Problem einer Verringerung des öffentlichen Haushaltsdefizits.

Diese unangebrachte Aufmerksamkeit sagt eine Menge über unsere politische Kultur aus, insbesondere darüber, wie weit Kongressabgeordnete sich von den Nöten des kleinen Mannes entfernt haben. Sie enthüllt aber auch etwas anderes: Wenn die Leute in Washington sich über Defizite und Schulden auslassen, haben sie im Großen und Ganzen keine Ahnung davon, wovon sie eigentlich reden – und jene, die am meisten reden, verstehen oft am wenigsten davon.

Das Auffallendste ist, dass jene Wirtschaftsexperten, auf die sich der Kongress verlässt, sich wiederholt fundamental über die Kurzfristeffekte von Haushaltsdefiziten geirrt haben. Jene, die ihre Wirtschaftsanalyse an der Heritage Foundation [eine rechtsorientierte Denkfabrik, E.G.] ausrichten, warten seit Obamas Amtsantritt darauf, dass das öffentliche Haushaltsdefizit die Zinsen nach oben schießen lässt. Jeden Tag soll es soweit sein.

Aber während sie warten, sind die Zinsen auf historische Tiefststände gesunken. Nun könnte man annehmen, dass dies die Politiker zu einem Umdenken über ihre Experten veranlassen müsste – eine Annahme, die allerdings das postmoderne tatsachenignorierende Politikgeschäft außer Acht lassen würde.

Und Washington hat nicht nur Probleme mit der kurzen, sondern auch mit der langen Frist. Obwohl Schulden durchaus zu einem Problem werden können, ist die Art, wie Politiker und Experten sie betrachten, falsch und übertreibt die Größe des Problems.

Schuldengegner malen eine Zukunft, in der wir durch Schuldentilgung verarmen werden. In ihren Augen ist Amerika wie eine Familie, die zu hohe Hypotheken aufgenommen hat und der es nun schwer fällt, die monatlichen Zahlungen zu leisten.

Dies ist eine mindestens im zweifachen Sinne sehr schlechte Analogie.

Erstens, Familien müssen ihre Schulden zurückzahlen, Regierungen müssen das nicht. Alles, was diese tun müssen, ist, dafür zu sorgen, dass die Schulden langsamer als die Steuereinnahmen wachsen. Die Schulden des II. Weltkriegs wurden nie zurückgezahlt; sie verloren aber in dem Maße an Bedeutung, wie die amerikanische Wirtschaft wuchs und mit ihr das besteuerungsfähige Einkommen.

Zweitens, und dies ist ein Punkt, den fast niemand versteht, eine überschuldete Familie ist verpflichtet, Geld an jemand anderen zurückzuzahlen; US-Schulden sind dagegen zu einem großen Teil Geld, das wir uns selber schulden.

Dies traf deutlich für die Schulden zu, die aufgenommen wurden, um den II. Weltkrieg zu gewinnen. Steuerzahler standen damals mit einer – gemessen an der Wirtschaftsleistung – deutlich höheren Verschuldung zu Buche, als dies heute der Fall ist. Aber diese Schulden gehörten auch den Steuerzahlern, wie beispielsweise jenen, die die Kriegsanleihen gekauft hatten. Die Verschuldung machte das Nachkriegsamerika also nicht ärmer. Insbesondere verhinderte diese Verschuldung nicht, dass die Nachkriegsgeneration die höchsten Einkommenszuwächse und Lebensstandardverbesserungen in der Geschichte unseres Landes genießen durfte.

Aber ist jetzt nicht alles anders? Nicht so sehr wie viele meinen. Es ist richtig, dass viele Ausländer Forderungen an die Vereinigten Staaten besitzen, darunter ist auch ein beträchtlicher Anteil an US-Staatspapieren. Aber jedem Forderungs-Dollar von Ausländern stehen 89 Cent Forderungen von Amerikanern an Ausländer gegenüber. Und weil die Ausländer es vorziehen, ihr Geld in niedrig-verzinslichen sicheren US-Papieren anzulegen, verdient Amerika im Ausland tatsächlich mehr, als Amerika an ausländische Investoren abführt. Die Vorstellung, dass Amerika eine gegenüber den Chinesen tief verschuldete Nation ist, ist eine Fehlvorstellung. Und wir bewegen uns auch nicht schnell in diese Richtung.

Die Tatsache, dass Staatsschulden nicht wie eine Hypothek auf unsere Zukunft wirken, heißt aber auch nicht, dass sie harmlos wären. Denn um die Zinsen bezahlen zu können, müssen Steuern erhoben werden, und man muss kein erzkonservativer Ideologe sein, um einzuräumen, dass Steuern die Wirtschaft belasten und sei dies nur durch Steuervermeidungsaktivitäten. Aber diese Kosten fallen weit weniger dramatisch aus, als der Vergleich mit einer überschuldeten Familie unterstellt.

Und deshalb haben Nationen mit stabilen und verantwortungsbewussten Regierungen – d.h. Regierungen, die willens sind, leicht höhere Steuern zu erheben, wenn dies die Situation erfordert –, mit deutlich höheren öffentlichen Schuldenständen leben können, als dies die gegenwärtig gängige Meinung für möglich hält. Großbritannien im Besonderen wies in 81 der letzten 170 Jahre eine Staatsschuld von über 100% des Nationalprodukts auf. Als Keynes die Notwendigkeit beschrieb, durch höhere Staatsausgaben aus der Großen Depression herauszukommen, wies Großbritannien eine höhere Staatsschuld auf als gegenwärtig irgendein entwickeltes Land, von Japan einmal abgesehen.

Klar, Amerika mit seiner konservativen und fanatischen Antisteuer-
bewegung mag keine in diesem Sinne verantwortliche Regierung besitzen. Aber in diesem Fall ist nicht die öffentliche Verschuldung, sondern wir selbst sind das Problem.

Natürlich sind Schulden wichtig. Aber gegenwärtig sind andere Sachen noch wichtiger. Wir brauchen mehr und nicht weniger Staatsausgaben, um uns aus unserer Arbeitslosenfalle zu befreien. Und dem steht dieser starrköpfige und wenig sachkundige Schuldenwahn im Wege.

Paul Krugman (1953) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University und Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2008.

Wiederabdruck von »Nobody understands debt« aus der New York Times vom 2. Januar 2012 mit freundlicher Genehmigung von © The New York Times News Service 2012; Übersetzung Erik Gurgsdies

Das Ernie- und Bertlandprinzip

Wenn niemand mehr Kekse isst, werden schon bald kaum noch welche produziert. Ein Teufelskreis beginnt.

Wenn niemand mehr Kekse isst, werden schon bald kaum noch welche produziert. Ein Teufelskreis beginnt.

Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Denn wenn alle nur noch sparen, sinkt am Ende unser aller Wohlstand. Ein Gedankenexperiment von Erik Gurgsdies

Es waren einmal zwei kleine Volkswirtschaften namens Ernieland und Bertland. Beide erzeugten Güter- und Dienstleistungen im Wert von 500 Keksen. Da es sich um Marktwirtschaften handelte, entstand mit der Produktion zugleich ein entsprechendes Kekseinkommen, mit dem die Produkte auf den Märkten gekauft werden konnten.

Die Ausgangslage

Ernieland war von genussfreudigen Menschen bevölkert, während Bertländer als eher zurückhaltend und sparsam bekannt waren. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass die Ernieländer mehr verbrauchen wollten, als sie selbst hergestellt hatten. Sie liehen sich deshalb 100 Kekse von Bertland und kauften damit Bertländische Produkte. Die Bevölkerung von Bertland konnte nun zwar weniger verbrauchen, als sie selbst hergestellt hatte, erhielt dafür aber Schuldscheine im Werte von 100 Keksen.

Die Angst

Die Zeit verging und Ernieland verschuldete sich noch mehrere Male auf die gleiche Weise. Irgendwann beschlich die Bertländern dann das mulmige Gefühl, ihre Nachbarn könnten sich mit den Schulden übernommen haben. Sie forderten Ernieland deshalb auf, die Schulden zu tilgen. Diese begannen nun, die Schulden nach und nach aus ihrem laufenden Einkommen zurückzuzahlen. Ernieland erzeugte weiterhin Produkte im Werte von 500 Keksen, konnte das dabei verdiente Einkommen aber nur noch in Höhe von 400 Keksen für die eigene Produktion ausgegeben, da 100 Kekse zur Schuldentilgung nach Bertland flossen. Schuldenrückzahlen heißt eben wenig überraschend: Sparenmüssen. Für die Bertländer hatte die Schuldenrückzahlung dagegen überraschende Konsequenzen: Sie mussten zum einen aufhören zu sparen, um den Absatz der gesamten eigenen Produktion durch Verausgabung des gesamten eigenen Einkommens zu sichern. Darüber hinaus mussten sie aber auch die zufließenden 100 Kekse aus Ernieland zum Kauf von Ernieland-Waren verwenden, um den dortigen Wirtschaftskreislauf und damit die Tilgungsfähigkeit ihrer Nachbarn intakt zu halten.

Der Fehler

Hätten Bertländer stattdessen die zufließenden Tilgungsmittel aus Sparsamkeitsgründen in ihren Kekstresoren verwahrt, so hätte dies fatale Folgen sowohl für die Ernieländische Wirtschaft wie auch den Wert ihrer eigenen Keks-Forderungen gehabt. Denn in diesem Fall wären Güter im Wert von 100 Keksen der Ernieland-Produktion unverkäuflich liegengeblieben, da nur Ernieland-Bewohner mit der verbliebenen Kaufkraft von 400 Keksen sie gekauft hätten. Kapitalistisch korrekt wäre die Ernieland-Produktion nachfolgend an die gesunkene Nachfrage angepasst worden: Einer Produktion im Werte von 400 Keksen hätte dann auch nur noch ein Ernieland-Einkommen von 400 Keksen gegenübergestanden. Wären daraus weiterhin Schulden getilgt worden, hätte sich der Prozess sinkender Produktion und sinkenden Einkommens in Ernieland bis zur Zahlungsunfähigkeit fortgesetzt, womit dann auch die Bertländischen Forderungen ihren Wert eingebüßt hätten.

Das Prinzip

Als Fazit lässt sich deshalb das Ernie-und-Bertland-Prinzip formulieren: Um eine Schuld abzubauen, müssen Schuldner immer sparen. Soll damit aber kein Wirtschaftseinbruch in den Schuldnerländern einhergehen, was wiederum deren Tilgungsfähigkeit vermindern würde, müssen die Gläubiger ihre Ausgaben steigern, indem sie entsparen!

Die Moral

Dieses Prinzip wird in der aktuellen Euro-Krisenpolitik jedoch weitgehend missachtet. Weil die deutschen Löhne und Preise seit Beginn der Währungsunion im Jahre 1999 deutlich langsamer als der Eurozonendurchschnitt anstiegen, konnte Deutschland mit seiner traditionell attraktiven Produktpalette seine Wettbewerbsposition über niedrige Preise ständig stärken. Es kam zu einem anhaltenden Exportüberschuss der Bundesrepublik gegenüber den heutigen Eurokrisenländern, der sich dort als Importüberschuss niederschlug. Als Folge nahm dort die Verschuldung nicht nur der öffentlichen, sondern auch der privaten Haushalte ständig zu.

Was ist zu tun? Eine Möglichkeit wäre, dass Deutschland bei der Lohn- und Preisentwicklung in den nächsten Jahren voraneilt. Damit würde die Bundesrepublik nicht nur eine steigende Kaufkraft auch für ausländische Produkte bereitstellen, sondern mit den stärker steigenden Preisen zugleich einen Teil ihres Wettbewerbsvorsprungs zurückgeben. Dies würde die Schuldner stärken, deren Tilgungsfähigkeit über steigende Exporte, zunehmende Beschäftigung und anschwellende Steuereinnahmen gefestigt würde.

Die Zauberfee

Der zweite Problemkreis betrifft die öffentlichen Schulden, die von vielen – wohl zu Unrecht – für das eigentliche Europroblem gehalten werden. Aber auch bei den öffentlichen Schulden gilt das Ernie-und-Bertland-Prinzip: Beginnen tatsächlich a l l e Staaten ihre öffentlichen Schulden zu tilgen, wozu sie sich gegenseitig verpflichtet haben, muss der private Sektor in die Lücke springen und seine Ausgaben sehr deutlich erhöhen, sollen Produktion und Einkommen nicht eurozonenweit schrumpfen. Warum aber sollen private Konsumenten und Investoren derzeit ihre Ausgaben deutlich steigern? Weil sie eine Welt mit geringeren öffentlichen Schulden für eine wirtschaftlich bessere Welt halten und optimistisch drauflos konsumieren und investieren? Da hierfür ökonomisch fast gar nichts spricht, hat Paul Krugman die Vertrauens-Fee erfunden, die es mit ihrem Zauberstab richten soll. Und wehe, wenn sie nicht kommt!

Erik Gurgsdies(1944) ist Ökonom und horizonte-Redakteur.

 

horizonte 41: Schulden

Das Vertrackte an den Schulden ist, dass mit ihnen offenbar eine »Schuld« verbunden ist. Und dies nicht nur im fiskalischen, sondern auch im moralischen Sinne. Zumindest lassen dies die gemeinsamen sprachlichen Wurzeln vermuten. So werden in vielen indoeuropäischen Sprachen die Wörter für »Schulden« synonym für »Sünden« verwendet. Der Begriff des »Kredits« wurzelt in dem Wort für »Vertrauen« oder »Glauben«. Das deutsche Wort »Geld« ist mit dem englischen Wort »guilt« (Schuld) verwandt.

Vor langer Zeit haben die Menschen wohl damit begonnen, über moralische Fragen in der Sprache des Marktes zu sprechen. In biblischen Zeiten war dies naheliegend. Ein Großteil der einfachen Bevölkerung war ständig von Schuldknechtschaft bedroht. Wenn Jesus über die Erlösung von der Schuld sprach, hatte dies auch immer soziale Anknüpfungspunkte, die sehr konkret zu verstehen waren.

Heute ist von Vergebung der Schuld und der Schulden nicht mehr (oder noch immer nicht?) viel zu spüren. Aber die synonymen Begriffe sind geblieben und verwirren unser Denken und Handeln. Muss man seine Schulden zurückzahlen? Auch wenn dies zu Leiden und Tod führt wie in manchen Entwicklungsländern, deren Zinszahlungen an die Industrieländer inzwischen die Höhe der ursprünglichen Kredite bei weitem überstiegen hat?

Wo das Sparen und das Schuldentilgen zum Dogma wird, sind Zweifel angebracht. Es sollte in jedem Einzelfall abgewogen werden, ob die Effekte von Zinseinsparungen positiver sind, als der Nutzen von zusätzlichen Investitionen in die Zukunft. Erst dann wird aus Selbstzweck wieder Politik.

PS: Wir fühlen uns geehrt, dass wir in dieser Ausgabe mit Paul Krugman und Martin Schulz gleich zwei Nobelpreisträger exklusiv für unser Magazin gewinnen konnten!

PPS: Ab sofort ist horizonte auch in den gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen unseres Bundeslandes erhältlich. Weiterlesen