horizonte 47: Tiere

Cover 47In der Chauvet-Höhle nahe der französischen Kleinstadt Vallont-Pont-d’Arc befinden sich Höhlenmalereien, die zu den ältesten der Welt zählen. Unsere Urahnen hinterließen uns dort nicht etwa Darstellungen ihrer selbst, sondern malten fast ausschließlich Tiere an die Wände der Höhlen: Wollnashörner, Höhlenlöwen, Mammuts, Hirsche, Panther und viele andere mehr. Bemerkenswert ist, dass dort alle Tiere friedlich beieinander stehen und keineswegs aggressiv wirken –  und dass, obwohl sie den Menschen der Steinzeit mit Sicherheit gefährlich werden konnten. Man hat den Eindruck, als würde in diesen Bildern das ersehnte »messianische Reich« der Bibel lebendig werden: »Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.« (Jesaja 11,6).

Die Realität der Steinzeit war natürlich eine andere: Als sich unsere Vorfahren nach der letzten Eiszeit ausbreiteten, starben mehr als 70 Prozent aller großen Säugetierarten aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach war schon damals der Mensch die Ursache für dieses große Artensterben.

Aber diese Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach einem harmonischen Leben mit den Tieren und ihrer Nutzung als Ressource hält bis heute an: Die unbedingte Liebe zu unseren Haustieren auf der einen Seite und die kalte industrielle Tierzucht und Fleischproduktion auf der anderen Seite sind die sich immer extremer unterscheidenden Seiten derselben Medaille. Hinzu kommt eine zunehmende Verunsicherung, da wir seit der Evolutionslehre und der Genforschung ahnen, dass uns weniger von den Tieren unterscheidet, als wir einst dachten.

Insofern ist jedes Nachdenken über Tiere immer auch ein Nachdenken über uns selbst. Weiterlesen