horizonte 46: Spielen

Cover46_800px»Ich will doch nur spielen« – so heißt es in einem Vers des Liedes »Das Spiel«, mit dem die Sängerin Annette Louisan im Jahr 2004 aus dem Nichts bekannt wurde. In dem süßlichen Popsong wundert sich das lyrische Ich darüber, dass sich nach einer gemeinsamen Nacht ihr Gegenüber in sie verliebt hat und eine Beziehung beginnen möchte. Das Spiel ist hier offensichtlich das Unverbindliche, das Spontane, das Ziellose, das Offene, während der Ernst der Liebe nach Verbindlichkeit, Sicherheit und Struktur zu streben scheint.

Interessant ist hier das kleine Wörtchen »nur«: Es schreibt dem Spiel ein geringeres Gewicht zu und übernimmt damit eine herrschende Konvention. Denn was sagen die Eltern zu ihren Kindern am Tag der Einschulung: »Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!« (Und wenn sie es nicht sagen, so glauben sie es zumindest insgeheim.) Friedrich Schiller hätte an dieser Stelle Einspruch erhoben: Für ihn ist das Spiel der Ort, wo der Mensch ganz frei von den ihn bedrängenden Anforderungen sein und sich in aller Vielfalt entfalten könne, denn »der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Klingt gut, unsere Lebenserfahrung lässt uns jedoch eher mit Brecht sagen: »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.«

Aber vielleicht brauchen wir ja Spiel und Ernst gar nicht als Gegensätze wahrzunehmen, sondern als etwas Zusammengehörendes: Im Spiel probieren wir uns aus, durchbrechen Konventionen, entwickeln uns weiter – und sind so besser gewappnet für die Ernstfälle des Lebens. Weiterlesen