Die neue Mitte

Metin

Metin Hakverdi

Die Internationale Gartenschau in Hamburg-Wilhelmsburg verändert einen ganzen Stadtteil – und vielleicht auch dessen Bewohner. Seit 44 Jahren mittendrin: Metin Hakverdi.

Es gibt sie noch – die neue Mitte. Zumindest in Hamburg. Dort heißt sie die neue Wilhelmsburger Mitte. Und das Zentrum dieser Mitte ist derzeit der 100 Hektar große Park, der für die Internationale Gartenschau 2013 (IGS) errichtet wurde und der von anspruchsvollen Neubauten der zeitgleich stattfindenden Internationalen Bauausstellung (IBA) flankiert wird. Nicht nur für Hamburg-Besucher, sondern auch für Hamburger ist der Gedanke noch ungewohnt: Die Stadt endet nicht am Nordufer der Elbe.

Wenn es eine Personifizierung dieser neuen Wilhelmsburger Mitte gibt, dann ist es Metin Hakverdi. Nicht, weil er der Bundestagskandidat der SPD für diesen Wahlkreis ist und seine blauen Augen dem Gartenschaulustigen schon kurz nach Verlassen des S-Bahn-Hofes vom Wahlplakat entgegen lächeln, sondern, weil sich in ihm die Sehnsucht eines Stadtteils spiegelt, nämlich dazuzugehören: Zum großen, weltläufigen, geschäftigen Hamburg, das nur neun S-Bahn-Minuten nördlich beginnt.

Stellen wir uns die Hamburger Stadtteile als Mitglieder einer Großfamilie vor, dann wäre die Elbinsel Wilhelmsburg das ungeliebte Stiefkind der Hansestadt. Vom Elbehochwasser 1962 am schwersten betroffen, entschied der Senat, die riesige Insel nicht mehr als Wohngebiet weiterzuentwickeln. Die es sich leisten konnten, zogen weg, Investitionen blieben aus. Die Stadtpolitiker überlegten es sich später wieder anders, aber Wilhelmsburg hatte seinen Ruf weg. Während anderswo in Hamburg schicke neue Wohnviertel entstanden, baute man hier große Sozialwohnanlagen. Die Mieten waren hier am niedrigsten, so dass die zunehmende Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte und der später einsetzende Familiennachzug vor allem nach Wilhelmsburg stattfand. Sozialprogramme halfen wenig, ein paar üble Schlagzeilen kamen hinzu – irgendwann sprach der Spiegel von der »Bronx von Hamburg«.

Die Besucher der Gartenschau kommen in eine andere Welt: Adrette Fußwege, blitzende Glasfassaden. Die vielen Kräne zeugen von einem Bauboom, der das Viertel gerade erst erfasst hat. Tausende neue Wohnungen werden entstehen, viele direkt am Wasser.

Und – mit Unterbrechungen – seit 44 Jahren mitten drin: Metin Hakverdi. Noch immer führt ihn sein Nachhauseweg von der S-Bahn durch das grüne Herz von Wilhelmsburg: Heute – als Rechtsanwalt und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft – vorbei an Rabatten und Sportanlagen. Damals – als kleiner Junge – quer durch eine wilde Industriebrache. Denn, wo heute die Beete blühen und der saftige Rasen grünt, war noch vor zehn Jahren Großstadtdschungel – im wörtlichen Sinn. Eine Welt für Wilhelmsburger Jungs wie Metin: Wilde Brombeeren, heimliche Verstecke, Gräben zum Drüberspringen. Für sie war es die schlechteste Nachricht des Jahres, wenn der Senat mal wieder ein Deichschutzprogramm beschloss: Dann wurden die Gräben breiter und neue Schleichwege mussten gefunden werden.

Dennoch: Weder Metin Hakverdi noch die Mehrheit der Wilhelmsburger trauern den alten Zeiten nach. Natürlich gibt es Angst vor Veränderung und auch heftige Kritik an Einzelnem, aber nach drei Jahren Bauarbeiten spüren die meisten Einwohner, dass diese Gartenschau und der bleibende Park ihr Viertel verändern wird. Der Senat hat darüber hinaus ein sehr konkretes Zeichen gesetzt: Die Hamburger Baubehörde ist mit ihren 1.300 Mitarbeitern in ein schwungvolles, futuristisches Gebäude mitten nach Wilhelmsburg gezogen. In allen neugebauten Wohnhäusern – von denen zahlreiche in den nächsten Jahren entstehen werden – soll es einen Drittelmix geben: Ein Drittel Eigentumswohnungen, ein Drittel normale Mietwohnungen und ein Drittel subventionierte Sozialwohnungen. Sowohl Gentrifizierung – also die Aufwertung durch Vertreibung – als auch eine Ghettoisierung sollen auf diese Weise verhindert werden.

Wilhelmsburg wird nun sichtbar für alle offener, lebenswerter, bunter werden. So bunt wie die Familiengeschichten vieler, die dort leben. Metin Hakverdis Vater z.B. war Mitte der 1950er Jahre einer der allerersten Türken, die nach Hamburg kamen. Der Schneidermeister, der weder Türkisch noch Deutsch lesen und schreiben konnte, lernte 1965 eine deutsche Frau kennen, die aus dem Mecklenburgischen Demmin stammte: Die Familie, die dort eine Molkerei besaß, war Anfang der 50er Jahre vor dem zunehmenden Druck der neuen Gesellschaftsordnung nach Hamburg geflohen. Die junge Frau hatte Arbeit in der britischen Militärverwaltung gefunden, hatte dort Englisch gelernt und sich schließlich abgesetzt: Zuerst nach London als Putzmädchen in ein britisches Oberschichtenhaus, später nach Kuwait, Neuguinea, Australien, Panama, Miami. Nach sieben Jahren Weltreise war sie wieder nach Hamburg zurückgekehrt und hatte dort bei einem Tanzvergnügen den Schneidermeister Hakverdi getroffen. Wo? In »Planten un Blomen« – einer Parkanlage im Herzen Hamburgs, die zwischen 1953 und 1973 dreimal Schauplatz der Internationalen Gartenschau gewesen war.

Und wer weiß: Vielleicht findet sich ja gerade jetzt im Park in der neuen Wilhelmsburger Mitte wieder eine Liebe – welcher bunten Herkunft auch immer. Denn Gärten haben offenbar die Kraft dazu: Nicht nur eine Stadt, sondern das Leben selbst zu verändern. ϒ

 

Stephan Bliemel (1978) ist freier Autor, Verleger, Cafébetreiber und Redakteur des Magazins horizonte.

 

»Es ist eben nicht Natur!«

Wenzl

Stefan Wenzl, Finanzministerium M-V (Foto: Stephan Bliemel)

horizonte: Kann ein Garten ein Denkmal sein?

Stefan Wenzl: Na klar. Von der rechtlichen Seite ist es einfach: Das Denkmalschutzgesetz legt fest, was ein Denkmal ist und was nicht. Und da können Gärten natürlich dazugehören. Das andere ist die ideelle Bedeutung solcher Gärten: Sie sind ein von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk.

horizonte: Aber anders als andere Denkmäler verändert sich ein Garten doch ständig. Hat man da einen Idealzustand des Gartens im Kopf, den man versucht zu konservieren?

Wenzl: Früher gab es die Vorstellung einer gestaltenden Denkmalpflege, das heißt, man versuchte tatsächlich, einen idealisierten Zustand aus einer bestimmten vergangenen Zeit zu rekonstruieren. Heute tun wir das nicht mehr, denn wir wissen, dass auch die Veränderungen im Laufe der Zeit von Bedeutung sind. Wir versuchen den Zustand zu erhalten, den ein Garten hatte, als dessen bewusste Gestaltung abgeschlossen war – am Beispiel des Schweriner Schlossgartens ist es etwa das Jahr 1910.

horizonte: Wenn also ein Fussballplatz in einem Schlosspark entstanden ist, kann man das nicht mehr als bewusste Gestaltung betrachten und ein Rückbau wäre angemessen?

Wenzl: Das ist natürlich auch eine bewusste Gestaltung, jedoch keine, die den Garten als Kunstwerk weiterentwickelt hat. Aber beispielsweise sind Freilichtbühnen oder Pflanzungen der 1950er und 60er Jahre in den Schlossgärten erhalten geblieben. Insofern gibt es für den Denkmalpfleger keine politisch gute oder schlechte Gartengestaltung – es geht um die Bewahrung dieser Gestaltung als Zeitdokument.

horizonte: Das heißt also, der Güs-trower Schlossgarten ist als Renaissancegarten gestaltet worden, weil es dort seit der Renaissance keine bewusste Gartengestaltung mehr gegeben hat?

Wenzl: Das ist nun ein ganz besonderer Fall. Dort restaurieren wir eigentlich die Gestaltung aus der DDR-Zeit. Denn in den 1970er-Jahren ist der Güstrower Schlossgarten in Anlehnung an einen ehemals vorhandenen Renaissance-Garten neu gebaut worden. Damit hat man ein neues Denkmal geschaffen – das Denkmal, wie man sich in den 70er-Jahren mit der Renaissance auseinander gesetzt hat. Und das wird jetzt restauriert.

horizonte: Wenn ich durch einen Schlossgarten gehe, ist es also wie eine Art Museumsbesuch?

Wenzl: Nein, aber es gibt auch in der Gartendenkmalpflege unterschiedliche Anschauungen. Da sind die Fundamentalisten, die am liebsten überall einen großen Zaun he-rummachen und ab und zu ein Foto veröffentlichen würden. Das andere Extrem ist die Auffassung, es handele sich um einen Volksgarten, der beliebig genutzt werden könne. Dazwischen müssen wir als Schlösser- und Gärtenverwaltung irgendwie einen Kompromiss finden.

horizonte: Rodeln im Schweriner Schlossgarten geht aber offenbar zu weit?

Wenzl: Das Rodeln würde zu einer nachhaltigen Schädigung des Denkmals führen, weil es die Struktur der dortigen Kaskaden zerstört und verändert. Wenn man das Geld hätte, könnte man natürlich in jedem Frühjahr die Modellierung der Kaskaden mit schwerem Gerät wieder herstellen – man hätte dann jedes Jahr an dieser Stelle eine Neuanlage. Irgendwann ist da dann nichts Authentisches mehr. Es ist aber auch ein Frage der Wertschätzung dieser Objekte. Niemand würde auf die Idee kommen, auf dem Intarsienparkett im Schloss Sanssouci, wo der alte Fritz geflötet hat, Rollschuh zu fahren.

horizonte: Einen Garten erlebt man hingegen als Natur, als etwas, das sich verändert, als etwas Lebendiges – und davon möchte man Teil sein, zum Beispiel indem man rodelt.

Wenzl: Aber es ist eben nicht Natur! Sonst hätten wir hier in Schwerin einen Erlen- oder Buchenwald. Darum haben wir nicht nur unsere Konflikte mit dem rodelnden Bürger, sondern auch mit dem Naturschutz. Für einen anständigen Naturschützer gibt es nichts Schöneres, als einen abgestorbenen Baum, in dem sich der Eremit aufhält. Für einen Gartendenkmalpfleger gibt es nichts Schlimmeres als einen hohlen Zahn in einer schönen Lindenallee. Auch hier sind Kompromisse gefragt.

horizonte: Wie weit sind wir denn im Land mit den Schlossgärten?

Wenzl: Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir unsere Gärten schon sehr weit entwickeln konnten. Auch mit Hilfe der EU-Förderung konnten wir alle Gärten in Angriff nehmen. Fertig gestellt sind der Hohenzie-
ritzer Park, der Schweriner Schlossgarten, der Park Bothmer – die anderen sind nahezu fertig. Spätestens 2015 haben wir dann alle staatlichen Gärten einmal saniert.

horizonte: Dann kann man sich zurücklehnen und ein bisschen hegen und pflegen?

Wenzl: Na ja, dann beginnt eigentlich erst die richtige gärtnerische Arbeit, diese Parks auch zu erhalten. Und das wird im Unterhalt natürlich aufwändiger als die Pflege der unsanierten Gärten. Die Alternative wäre allerdings nur der Verlust dieser Gartendenkmäler.

horizonte: Gibt es eigentlich für jeden Schlossgarten einen Obergärtner?

Wenzl: In den großen deutschen Schlösserverwaltungen, in Bayern etwa oder bei den Preußen gibt es eigene Mitarbeiter, die in sogenannten Regiebetrieben arbeiten, wo auch die Zierpflanzen selbst gezogen werden. Wir in M-V haben zwölf Gärtner, die die Gärten betreuen und dabei vor allem die Gartenbauunternehmen überwachen, die für uns tätig sind. Schön wäre es natürlich, wenn wir eigene Gärtner für die Pflege und Anzucht hätten, die sich einem Park oder Garten persönlich verpflichtet fühlen. Aber das ist natürlich eine Kostenfrage.

horizonte: Wenn Ihnen Ihre Chefin, die Finanzministerin, einen Nachmittag frei geben würde, in welchem Schlossgarten würden Sie ihn verbringen wollen?

Wenzl: Mein Lieblingsgarten ist der Hohenzieritzer. Er ist einer der frühesten englischen Landschaftsgärten auf dem europäischen Kontinent. Einmalig schön und kaum bekannt.

Stefan Wenzl (1959) ist Architekt und leitet die Referatsgruppe »Staatshochbau, Liegenschaften, Schlösser und Gärten« im Finanzministerium M-V.

Das Interview führte Stephan Bliemel.

horizonte 44: Garten

horizonte44_Web_CoverWas ist eigentlich ein Garten?

Die Frage klingt naiv, aber glauben Sie mir: Je länger Sie darüber nachsinnen werden, um so schwieriger wird es, eine Antwort zu finden. Wahrscheinlich denken Sie als Erstes an die Natur: An üppiges Grün, leuchtende Blüten, süße Früchte. Wie schön! Aber das, was wir Garten nennen, hat eigentlich wenig mit der Natur zu tun. Jeder Gärtner weiß: Ein Garten wird der Natur immer wieder abgerungen – Boden wird kultiviert, Zweige geschnitten, Gras gemäht, Wildkräuter gejätet, es wird gesät, geteilt, angebunden, gewässert, gemulcht, gedüngt, gezupft, gepflanzt. Immer wieder. Der Garten ist auf die Natur bezogen und folgt doch einer eigenen, einer zutiefst menschlichen Ordnung.

Aber wozu? Vielleicht haben wir die Sehnsucht, uns als Teil von etwas Größerem zu spüren; hoffen, uns in der Natur wiederzufinden – und müssen sie doch ständig bezähmen, befrieden, kultivieren, um sie ertragen zu können. Insofern ist der Garten der Ort des Menschseins schlechthin: Nah bei der Natur, aber doch mehr als ein Teil von ihr – gestaltend, aber doch ohne wirkliche Schöpferkraft. Weiterlesen