Ausgabe 50 (»Die Letzte«)

horizonte50_800pxNun ist die letzte Ausgabe des Magazins horizonte erschienen.

Dass diese Zeitschrift seit ihrer Gründung im Jahr 2002 in 50 Ausgaben erscheinen konnte, ist vielen Menschen zu verdanken: Den langjährigen Herausgebern Mathias Brodkorb, Christian Kleiminger, Thomas Lenz, Bernd Röll, Dr. Steffen Schoon, Nikolaus Voss sowie vielen weiteren ehemaligen Herausgeberinnen und Herausgebern; der SPD Mecklenburg-Vorpommern, die das Magazin seit der Ausgabe 13 allen ihren Mitgliedern zur Verfügung gestellt hat; dem Forum Demokratische Linke 21, welches die Magazingründung vor 13 Jahren mit einer Anschubfinanzierung unterstützt hat; der Rostocker Druckerei Altstadtdruck GmbH, die uns seit der ersten Ausgabe ein zuverlässiger Partner gewesen ist; der Friedrich-Ebert-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern, die ihre Räumlichkeiten für unsere Redaktionstreffen zur Verfügung gestellt hat; den unzähligen Autorinnen und Autoren, allen voran Susanne Bliemel, Udo Knapp und Arne Boecker; dem Gestalter Sebastian Maiwind sowie den stets ehrenamtlich arbeitenden Redaktionsmitgliedern, insbesondere den Redakteuren der letzten Jahre: Silke-Maria Preßentin, Erik Gurgsdies, Robert Patejdl und Stefan Bruhn. Und zu guter Letzt gilt Ihnen, unseren treuen Leserinnen und Lesern, unser Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

All jene, die noch nicht genug haben oder die die eigene Sammlung vervollständigen wollen, sind eingeladen, Einzelexemplare früherer Ausgaben nachzubestellen. Außerdem ist ein Taschenbuch mit ausgewählten Artikeln, Interviews und Porträts aus 50 Ausgaben horizonte erschienen.

Anlässlich der letzten Ausgabe erinnern sich die beiden Mitbegründer des Magazins, Mathias Brodkorb und Stephan Bliemel, an die Anfänge und was daraus wurde …: »Das wird der absolute Knaller!«

»Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!«

Nach 21 Jahren Politik als Beruf hat Gottfried Timm noch einmal einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Ein Interview über das Enden und Neubeginnen mit Gottfried Timm

Abschied und Neubeginn: Der scheidende Innenminister Gottfried Timm (SPD) übergibt den Staffelstab (offenbar in Form einer Whiskeyflasche?) an seinen Nachfolger Lorenz Caffier (CDU). – Foto: Privat

horizonte: Herr Timm, Sie sind in der bewegten Wendezeit Politiker geworden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie einen neuen Beruf ergriffen hatten?

Gottfried Timm: Das habe ich gemerkt, als ich vom Präsidenten des Oberkirchenrates eine Urkunde erhielt, mit der ich als Pastor »in den Wartestand« geschickt wurde. Da wusste ich: Jetzt bist du raus – und fragte mich: Wo bist du gelandet?

horizonte: Für DDR-Bürger war der Beruf des Politikers ja etwas Neues. Wie hat Ihr damaliges Umfeld darauf reagiert?

Timm: Sehr unterschiedlich. Es gab Enttäuschungen, manche fühlten sich vielleicht allein gelassen, weil sie als politisch Aktive in der Kirche diesen Schritt nicht gegangen sind. Es gab aber auch prominente Unterstützer in der Kirchenleitung, die nicht wollten, dass die alten Kräfte wieder an die Macht kommen.

horizonte: Daraus sind 21 Jahre Politik als Beruf geworden. Kann man danach noch etwas anderes machen?

Timm: Na klar. Man muss allerdings die Verbindung zu sich selbst behalten. Ich hatte mal ein »Aha-Erlebnis«, als ich Mitglied des Bundesvorstandes der SPD war. Da habe ich einen prominenten Parteigenossen erlebt, der grau dasaß und nur darauf wartete, etwas sagen zu dürfen. Ich habe diesen Genossen als Person, als Menschen, nicht mehr erkannt. Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!

horizonte: Aber war nicht auch Ihr Ausscheiden vom Ende Ihrer Ministertätigkeit und der knappen Niederlage im Oberbürgermeisterwahlkampf in Schwerin geprägt?

Timm: Ich hatte schon vor 2006 überlegt, ganz aus der Politik auszusteigen. Dann bin ich geblieben, aber mit dem festen Vorsatz, mir mit der Klimaschutzpolitik noch einmal ein anderes politisches Feld zu erschließen. Das waren fünf intensive Jahre, in denen ich viel gelernt habe und das Gefühl hatte, auf der richtigen Seite zu stehen: Auf der Seite der »Bewahrung der Schöpfung« und eben nicht z.B. auf der Seite des Steinkohlekraftwerkes Lubmin. Was die Wahlniederlage betrifft: Ich kann und ich will damit leben. In einer Demokratie zu verlieren, das ist kein Gesichtsverlust. Auch mein Ministeramt war für mich immer ein Amt auf Zeit.

horizonte: Man hat das Gefühl, andere Spitzenpolitiker sehen das anders und wollen möglichst lange ihr Amt behalten. Haben Sie dafür Verständnis?

Timm: Eigentlich nicht. Ein politisches Amt muss immer ein Amt auf Zeit sein. Derzeit verändert sich die Welt so schnell durch die Globalisierung, die technischen Entwicklungen, den überbordenden Konsumismus, die kulturelle Entwurzelung – alles ist im Wandel und dieser Wandel muss sich auch im politischen System wieder finden. Demokratie ist Herrschaft auf Zeit.

horizonte: Aber viele Politikerkarrieren enden mit der Rente oder unfreiwillig durch Abwahl oder Rücktritt. Warum ist der selbstbestimmte Weg zurück in den alten Beruf so selten?

Timm: Das kann ich nicht beurteilen. Ich selbst habe erlebt, wie die Handlungsspielräume für Minister, aber vor allem für Abgeordnete fortlaufend kleiner wurden. Nichtigkeiten wurden gelegentlich aufgeblasen. In den 1990er Jahren war unser Gestaltungsspielraum in der Landespolitik bedeutend größer.

horizonte: Fiel Ihnen der Weg in eine neue Existenz leicht?

Timm: Es gab schon ein Vakuum, ich hatte noch kein konkretes Betätigungsfeld gefunden. Dann war ich erstmal längere Zeit Segeln in der Arktis. Unvorstellbar, wie dort der Klimawandel die Landschaft verändert. Nach meiner Rückkehr habe ich begonnen, ein sozialökologisches Wohnprojekt in Schwerin auf den Weg zu bringen. Und habe Kommunen und Unternehmen beim Thema Klimaschutzprojekte beraten. Dann hat die Mecklenburgische Kirche ein eigenes Energiewerk gegründet, um sich mit kircheneigenen regenerativen Ressourcen selbst zu versorgen, für das ich nun als Geschäftsführer tätig bin.

horizonte: Immer wieder flammt die Diskussion über fragwürdige Anschlussbeschäftigungen von Regierungsmitgliedern auf. Wie sehen Sie dies?

Timm: Wenn ein Kulturminister einen Bauernhof übernehmen will, soll er das tun. Aber wenn sich politische und wirtschaftliche Tätigkeit überschneiden, sollten Amtsträger eine Karenzzeit abwarten. Dass aber auch Politiker als Queraussteiger wieder zurück in die Gesellschaft gehen, sollten wir alle unterstützen. Dieses ist letztlich auch eine Frage von Anstand und Moral.

horizonte: Was können Sie denn jungen Menschen raten, die Berufspolitiker werden wollen?

Timm: Ich bin über jeden froh, der heute Lust auf Politik hat. Wir alle sind auf junge Leute angewiesen, die die öffentlichen Angelegenheiten in ihre Hände nehmen wollen. Ich rate jedem, zuvor einen Beruf zu ergreifen, um eine geerdete Verbindung mit den Menschen zu bekommen. So kann man »Mensch unter Menschen« bleiben. Wenn mir jemand mit 20 sagt: »Ich will Politiker werden«, dann interessiert mich sein Motiv. Manche haben falsche Vorstellungen über ihr zu erwartendes Gehalt, andere sind ideologisch geprägt. Politiker brauchen zwei Eigenschaften: Sie müssen nah bei den Menschen sein und sie müssen den Weitblick für die Folgen ihrer Entscheidungen entwickeln. Politik ist keine Wissensaufgabe, sondern eine emotionale Herausforderung: Denn man vertritt ja andere Menschen, das Volk.

horizonte: In der Rückschau: Be-reuen Sie die vielen Jahren, in der Sie Berufspolitiker gewesen sind?

Timm: Ich möchte keines dieser Jahre missen, auch wenn es manche schwere Phasen gab. Mit der Erfahrung von heute würde ich aber weniger auf »Sachzwänge« und mehr auf mich selber hören, trotz aller Kompromisse, die nötig sein können.

horizonte: Ist das Ende dann nicht bitter, weil man daran nichts mehr ändern kann?

Timm: Wenn man für sich erkennt, dass etwas zu Ende geht, dann sollte man die Kräfte sammeln, um dieses auch zu beenden. Erst dann ist ein Ende auch ein neuer Anfang. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich nur noch durchs Leben schleppt und sich selbst und andere unglücklich macht.

horizonte: Vielen Dank für das Gespräch! ϒ

Dr. Gottfried Timm (1956) ist Theologe und war von 1990 bis 2011 Landtagsabgeordneter der SPD und zwischen 1998 und 2006 Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Das Interview führte Stephan Bliemel.

Rüsselmassage

© WEDA Damman & Westerkamp GmbH

Befestigt in der Wand einer Schweinebuchte befinden sich, aufgepflanzt auf dicken Zugfedern, drei gelbe Kugeln aus Kunststoff, sieben Zentimeter im Durchmesser. Was ist das? Ein Sensor für die Umweltbedingungen im Stall? Ein Bestandteil der Brandschutzanlage? Ein Medikamentenspender? Bestandteil einer Schweinewaschanlage? Oder doch ein raumluftverbessernder Duftspender?

Die moderne Tierhaltung ist uns durch ihre rasante Weiterentwicklung mittlerweile fremd und unbekannt geworden. Gefühlsmäßig gilt sie Vielen als Sinnbild für die Grausamkeit des konsumorientierten Menschen, dem sie ihre heile Bioproduktewelt entgegenhalten wie dem Beelzebub das Kruzifix. Was dabei vergessen wird: Die ungebrochene Fleischeslust der Menschen macht die konventionelle Tierhaltung unverzichtbar. Am Ende kann keine Seite die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen.

Wer sich dieser Situation bewusst ist und trotzdem professionell in die »Tierproduktion« einsteigt, muss mit der Zeit entweder ausgeprägte Verdrängungsmechanismen entwickeln oder ein hohes Maß an Optimismus und Kreativität mitbringen. Oder man muss eben gerade dieses Hadern der Menschen mit der sie ernährenden modernen Landwirtschaft interessant finden. So ergangen ist es Stephanie Müller. Aus einer Ärztefamilie ohne jede Verbindung zur Landwirtschaft kommend, begann sie nach dem Abitur ein Studium der Agrarwissenschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Die große Vielfalt des Fachs, der möglichen Tätigkeitsbereiche und der im Gegensatz zu so vielen anderen modernen Berufen klar erkennbare unmittelbare Nutzen des eigenen Tuns, insbesondere im Bereich von Tierhaltung und Lebensmittelherstellung, faszinierten sie damals. Wenn man sie heute danach fragt, spürt man noch die Begeisterung in der Stimme. »Man kann einfach richtig gute Sachen mit dem machen, was man sich an Fähigkeiten und Wissen aneignet«.

Nach Abschluss eines Grundstudiums ging sie nach Witzenhausen an die Universität Kassel zum Studiengang »Ökologische Landwirtschaft« und arbeitete dort intensiv an einem zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbeachteten Thema, dem sie schließlich auch ihre Diplomarbeit widmete: In der Arbeitsgruppe von Dr. Uwe Richter suchte man nach »Beschäftigungsmöglichkeiten für einstreulos gehaltene Mastschweine«. Das klingt befremdlich, denn »einstreulose Haltung« bedeutet eine Haltung auf blankem Metall mit Löchern zur unkomplizierten Entsorgung der Exkremente. Es geht also um ein Projekt, das auf konventionell gehaltene Tiere ausgerichtet ist. Aber wozu dann Beschäftigungsmöglichkeiten erfinden, wenn dort der schnellstmöglich erzielte Fleischertrag zu minimalen Kosten das einzige Maß der Erfolgs ist, wie man zu wissen glaubt?

Wir können hier keine umfassende Darstellung der Probleme moderner  Haltung in der Schweinemast geben, doch offensichtlich hängen  zumindest einige von ihnen mit dem Mangel an »Beschäftigung« zusammen. Besonders bekannte Beispiele sind das gegenseitige verstümmelnde »Schwanzbeißen« und das »Ohrenbeißen« der Mastschweine. Seit 2001 besagt eine EU-Verordnung, dass den Mastschweinen »angemessenes Beschäftigungsmaterial« zur Verfügung gestellt werden muss. Doch in den Betrieben wird dies ganz unterschiedlich umgesetzt, wie Stephanie Müller im Rahmen vieler Praktika beobachten konnte: »In manchen Ställen wird einfach ein alter Autoreifen in die Buchte geworfen und das war’s. Aber der wird kurz begutachtet, manchmal zerpflückt, in jedem Fall verlieren die Tiere schnell das Interesse«.

Die gefundene Lösung ist ebenso einfach wie genial: Die eingangs beschriebenen Kunststoffkugeln, die über starke Federn auf dem Untergrund befestigt sind, werden vom Schwein mit der Rüsselspitze – der »Rüsselscheibe« – intensiv betastet und ähnlich wie Wurzeln oder andere Gegenstände in der freien Wildbahn weggeschoben. Der durch die Federn geleistete Widerstand animiert dabei zusätzlich, und das Zurückschnellen der Federn bewirkt eine Bewegung der Kugeln, die für das Schwein nicht vorhersehbar ist. Durch die Verbindung von drei Kugeln entsteht damit der sogenannte »Wühlkegel«, an dem sich das Schwein intensiv den hochentwickelten Rüssel massieren und sich gleichzeitig der Illusion hingeben kann, auf der Suche nach Nahrung im Boden zu wühlen.

Die Ergebnisse der 2008 veröffentlichten Diplomarbeit waren beeindruckend und konnten auch in nachfolgenden Studien bestätigt werden: In der ersten Woche beschäftigten sich die Tiere acht Prozent der aktiven Zeit mit den an der Wand befestigten Wühlkegeln, nach vier Wochen waren es immerhin noch 4 Prozent – deutlich mehr als bei fast allen anderen Beschäftigungsmitteln. Es lag also nahe, das Projekt weiterzuentwickeln, im Rahmen einer Doktorarbeit weitere Untersuchungen durchzuführen und das Produkt reif für die Praxis und letztlich auch für die kommerzielle Vermarktung zu machen, die mittlerweile auch stattfindet.

Stephanie Müller aber hat an genau dieser Stelle aufgehört und es anderen überlassen, diesen Weg zu Ende zu gehen. Warum? »Es war gut und wichtig, was wir gemacht haben, das Hirnschmalz ist gut investiert gewesen. In beiden Bereichen – der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft – machen sich die Leute einen Kopf, wie alles besser werden kann, und was dabei herauskommt, ist eben oft auch für beide interessant. Die ganze Polarisierung ist letztlich Quatsch, es ist einfach immer eine ethische Frage, wie ich die Tierhaltung grundsätzlich gestalte. Auch kleine Verbesserungen in der konventionellen Haltung bedeuten viel, weil eben mehr als 90 Prozent der Tiere so gehalten werden. Wenn es um die Umsetzung geht, also wie man sein jeweiliges Ziel erreichen will, dann können beide Seiten sehr viel voneinander lernen. Ich wollte jedoch immer praktische ökologische Landwirtschaft machen. Und am Ende war das Projekt eines für die konventionelle Massentierhaltung.«

Robert Patejdl (1982) ist horizonte-Redakteur und arbeitet als Arzt.

Von Spielen und Ziegen

3_Goat_in_a_car_800px

Warum Auto oder Ziege, wenn man auch beides haben kann? © Rodhullandemu

Spielen!

Die Schachliteratur vermerkt ein Gespräch, das 1953 während einer Turnierpartie in Zürich zwischen den Schachgroßmeistern Miguel Najdorf und Isaak Efremowitsch Boleslawski stattgefunden haben soll:

Najdorf: »Remis?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf nach einiger Zeit nachdenklich: »Spielen Sie auf Gewinn?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf sofort: »Also doch Remis?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf: »Spielen Sie auf Verlust?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf: »Ja was wollen Sie denn?« Boleslawski: »Spielen!«

Und wenn man denn Schach spielen will, sieht man sich einer solchen Menge von Zugmöglichkeiten gegenüber, dass ein schieres Durchrechnen von Zügen bislang nicht nur die Spieler, sondern selbst die besten Schachcomputer überfordert: Die Zahl aller möglichen Spielverläufe wird mit bis zu 10120 angegeben, eine Zahl mit 120 Nullen! Und weil dies so ist, geht es beim Schach wie auch bei anderen komplizierteren Spielen um Strategie und Taktik, um nicht nur mit dem Gegner, sondern auch mit der unübersehbaren Fülle von Möglichkeiten fertig zu werden.

Damit kann man sich viel Zeit vertreiben, wobei die Besten unter den Schachspielern dabei auch noch gut Geld verdienen. Man kann sich aber auch damit beschäftigen, Gesellschaftsspiele nicht zu spielen, sondern intensiv über ihre allgemeinen Prinzipien nachzudenken.

Nachdenken!

Womit wir denn bei der Spieltheorie wären, die eng mit dem Namen John von Neumann verknüpft ist, einem in Ungarn geborenen US-Wissenschaftler, der als einer der genialsten und vielseitigsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts gilt. Spieltheorie deshalb, weil anfangs über populäre Gesellschaftsspiele wie Schach, Mühle und Dame nachgedacht wurde. Dabei wurde schnell klar, dass es sich bei diesen Spielen allgemein um Entscheidungsabfolgen zwischen Spielern handelt, deren Entscheidungen sich wiederum gegenseitig beeinflussen. Diese Beschreibung charakterisiert nun aber auch typische Handlungssituationen des realen Lebens, wie sie sich z.B. in der Wirtschaft beim Konkurrenzverhalten zwischen wenigen großen Anbietern finden.

Die Spieltheorie modelliert deshalb typische Spielsituationen und fragt nach möglichen Lösungen, wobei Spielsituationen wie Lösungen recht kompliziert ausfallen können. Das berühmteste Beispiel ist das sogenannte Gefangenendilemma, dessen Darstellung den hier zur Verfügung stehenden Raum jedoch sprengen würde. Ich möchte mich deshalb auf ein zwar nicht so typisches, aber doch unterhaltsames kleines Problem beschränken, von dem ein Spieltheoretiker schreibt, dass es wohl keinen Kollegen gegeben habe, der Ende der 1980er Jahre nicht in irgendeiner Form über dieses Problem nachgedacht hätte.

Gewinnen?

Bei einer amerikanischen Quizsendung ging es darum, eine Edelkarosse zu gewinnen. Auf der Bühne gab es drei verschlossene Türen. Hinter zweien davon standen Ziegen, hinter einer das besagte Edelauto. Als Erstes musste der Kandidat eine Tür auswählen, durfte sie aber nicht öffnen. Als Zweites öffnete der Moderator der Show eine der nicht vom Kandidaten gewählten zwei Türen, und zwar jene, hinter der eine Ziege stand. Damit verblieben dann zwei ungeöffnete Türen, hinter denen sich einmal das Objekt der Begierde, das Auto, und zum anderen die verbliebene Ziege befanden. Der Kandidat stand nun vor der Frage, ob es günstiger für ihn sei, bei seiner ursprünglichen Wahl zu bleiben oder zu wechseln.

Was würden Sie tun? 

Lösung: Es kommt auf den ersten Zug an: Da es zwei Ziegen und nur ein Auto gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, per Zufall eine Ziege zu wählen, doppelt so groß, wie die, das Auto zu treffen. Denn die Chance eine Ziege gewählt zu haben liegt bei 2/3, die Wahrscheinlichkeit das Auto getroffen zu haben bei 1/3. Verhält man sich rational, also vernunftgemäß, so muss man deshalb davon ausgehen, dass man im ersten Zug die Ziege getroffen hat. Dann muss man aber auch wechseln, um die Edelkarosse zu erhalten. 

Falsch ist die Vorstellung, nach Öffnen der einen Ziegentür existiere nur noch eine Fünfzig-zu-fünfzig-Wahrscheinlichkeit zwischen dem Auto und der verbliebenen Ziege. Denn diese Vorstellung vergisst den ersten Zug mit der doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit, eine Ziege anstelle des Autos zu treffen.

Natürlich kann man nie sicher sein, beim Wechseln auch tatsächlich das Auto zu erhalten. Aber würde man das Spiel beispielsweise 100-mal spielen und jedes Mal von seiner ursprünglichen Wahl zur noch verbliebenen Tür wechseln, so würde man 66-mal das Auto und 33-mal die Ziege erhalten. Und diese Wahrscheinlichkeit gilt auch für 1 Spiel: Die Chance das Auto durch Wechseln der Tür zu erhalten ist doppelt so groß wie mit der Ziege vorlieb nehmen zu müssen.

Bei diesem Spiel sind nicht wie bei typischen spieltheoretischen Modellen ein oder mehrere andere Spieler Gegner, deren Entscheidungen dann auf die eigenen Entscheidungen rückwirken, sondern die gegebene Zufallsverteilung. Insofern handelt es sich um eine untypische spieltheoretische Entscheidungssituation. Aber sich an der Wahrscheinlichkeitsverteilung des ersten Zuges zu orientieren und deshalb zu wechseln, stellt die einzig rationale Strategie dar – wenn einem denn das Auto lieber als die Ziege ist.

Erik Gurgsdies (1944) ist Ökonom und horizonte-Redakteur.

»Gelbe Bergziegen« aus Kaliningrad

Bergziege_800pxFast die Hälfte der in Ostdeutschland gerauchten Zigaretten sind Schmuggelware. Der Weg führt über Mecklenburg-Vorpommern 

Offiziell handelten sie mit Hühnern, inoffiziell gingen Tausende Zigaretten über den Tisch: Etwa 100 Zollfahnder hoben in der letzten Septemberwoche eine Schmuggelbude aus, die ein Handelsbetrieb für Land- und Nutztiere bei Ludwigslust aufgebaut hatte. Die Zigaretten stammten aus dem Baltikum. Nach Mecklenburg-Vorpommern kamen sie in Tiertransportern, die die Schmuggler mit »bauartfremden Hohlräumen« aufgemotzt hatten, wie es im Jargon der Zollfander heißt. 309 000 Zigaretten karrten die Fahnder aus dem Land- und Nutztierhandel. Weil die Importeure die Glimmstängel nicht in Deutschland versteuert hatten, entgingen dem Staat nach Angaben der Staatsanwaltschaft Schwerin etwa 60.000 Euro.

Gesetzesmacher umschreiben Zigaretten als »Tabakstränge, die sich unmittelbar zum Rauchen eignen«. Von den fünf Euro, die eine Schachtel Zigaretten in Deutschland kostet, entfallen 3,65 Euro auf die Tabaksteuer. Das Geld fließt an den Bund; im Jahr 2012 waren dies über 14 Milliarden Euro. Diese Verbrauchssteuer ist seit 1906 ständig angehoben worden, weitere Steigerungen sind für Anfang 2014 und Anfang 2015 angekündigt.

2011 haben nach Angaben des »Deutschen Zigarettenverbandes« (DZV) Schmuggler 3,6 Milliarden Zigaretten nach Deutschland gebracht. Meist stammt die Ware aus Russland und der Ukraine, wo Zigaretten erheblich billiger sind als in Deutschland. Den Steuerausfall taxiert der DZV für 2011 auf eine Milliarde Euro, den Gewinn der Schmuggler auf 400 Millionen Euro. Es gibt große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen lag 2011 der Anteil jener Zigaretten, die nicht in Deutschland versteuert wurden, bei 14 Prozent, im Osten dagegen bei 45 Prozent. Die Gründe liegen auf der Hand: Der Westen ist reicher, der Osten grenzt an die Hochburgen der Schmuggler.

Viele Menschen belächeln die Schmuggelei und den Konsum von unversteuerten Zigaretten als Kavaliersdelikt. Diese Denkweise wird durch zwei Dinge begünstigt: Die Geldstrafen, die die Zwischenhändler erwarten, fallen nicht drakonisch aus, und die Gefahr, den Fahndern ins Netz zu gehen, ist auch gering. Seitdem das Schengener Abkommen die Grenzen durchlässig gemacht hat, wird direkt am Schlagbaum in der Regel nicht mehr kontrolliert. Um Schmuggler zu schnappen, schickt der Zoll stattdessen mobile Fahnder auf die Straßen, die das grenznahe Hinterland zu überwachen versuchen.

Das Hauptzollamt Stralsund, eines von 22 Hauptzollämtern in Deutschland, hat neben den Seehäfen ein paar strategisch wichtige Straßen im Blick. Dazu zählt die wichtige Ost-West-Verbindung A 20, besonders interessant ist sie für die Stralsunder Fahnder südlich von Greifswald. Daneben steht die B 104 im Fokus, sie schließt den Grenzübergang Linken (bei Löcknitz) an die A 20 (bei Pasewalk) an. Die A 11 schließlich führt aus Polen über die Grenzstation Pomellen nach Berlin, wo Millionen unversteuerter Zigaretten weiterverkauft werden. Fahnder haben es auf diesen Strecken vor allem mit »Ameisen-Verkehren« zu tun, die ihnen »Kleinfall-Aufgriffe« ermöglichen. Das meint: 5.000 bis 20.000 Zigaretten. Wer Zigaretten millionenfach schmuggeln will, steckt sie in Container und schifft sie über die Häfen ein.

Wie professionell die Schmuggler inzwischen vorgehen, zeigt die rasante Karriere einer Zigarettenmarke namens Jin Ling – Chinesisch für »gelbe Bergziege«. Für Jin Ling hat nie jemand geworben, dennoch steht die Marke in Deutschland auf Platz 9 der Hitliste der Zigaretten mit steuerlich fragwürdigem Migrationshintergrund. Inzwischen werden die illegalen »Bergziegen« sogar gefälscht; Lebensmittelprüfer haben darin Rattenkot, Milben und Schimmelpilzsporen gefunden.

Die Jin Ling ist in Läden dies- und jenseits der Grenzen nicht zu kaufen, sie ist Schmuggelgut. Hergestellt wird sie zu äußerst günstigen Bedingungen in der Baltischen Tabak Manufaktur (BTM), die ihren Sitz am Hafen des russischen Kaliningrad hat. Abgeschirmt wird das Werk von bulligen Sicherheitsleuten, die Besucher – vor allem Journalisten – nicht gut leiden können. Etwa 1,60 Euro kostet die Herstellung einer Stange Jin Ling, in Deutschland bekommt man 17 bis 20 Euro dafür; von derartigen Gewinnspannen träumen selbst Drogenhändler. Nach Schätzungen des Zolls überschwemmt die BTM Deutschland und Großbritannien pro Jahr mit etwa fünf Milliarden Jin Lings.

Diese Art von Ost-West-Transfer hat es schon zu DDR-Zeiten gegeben, wie eine Anekdote zeigt, die 1967 in Warnemünde spielt. Dänische Schmuggler reisten regelmäßig an, um im Duty-free-Shop – unter Beteiligung der DDR-Behörden – amerikanische Zigaretten zu kaufen. 400.000 Stück kosteten sie etwa 20.000 Kronen. Die damals schon sehr hohe Tabaksteuer in ihrem Land umgehend, konnten sie diese für mindestens 60.000, manchmal sogar 80.000 Kronen im Staate Dänemark verticken.

Arne Boecker (1962) ist freier Journalist aus Obernkirchen / Niedersachsen.