»Das wird der absolute Knaller!«

Als überraschende politische Initiative mit konkreten Zielen ist vor 13 Jahren horizonte gegründet worden. Ein Gespräch über die Anfänge und was daraus wurde …   

Stephan Bliemel: Vor ziemlich genau 13 Jahren hattest du die Idee zu einem politischen Magazin für die SPD in Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam haben wir dies dann mit der ersten Redaktion in die Tat umgesetzt. Die Ausgabe 1 erschien im November 2002 mit dem Schwerpunkt »Soziale Gerechtigkeit«. Erinnerst du dich?

Mathias Brodkorb: Ja, sicher. Wir hatten damals ein 10-seitiges strategisches Geheimpapier entworfen, in dem wir die Ziele abgesteckt und von der Finanzierung über den Inhalt bis zur Vermarktung alles genau konzipiert hatten.

Bliemel: Wirklich? Daran kann ich mich nun nicht mehr erinnern…

Brodkorb: Siehst du, so geheim war das damals!

Bliemel: Aber du weißt noch, dass wir eigentlich Andrea Nahles die Existenz dieses Magazins verdanken?

Brodkorb: Nee, keine Ahnung.

Bliemel: Du warst damals recht aktiv im Forum Demokratische Linke 21. Andrea Nahles war zu der Zeit die Vorsitzende des Vereins und du hattest sie erfolgreich überredet, das Magazin finanziell zu unterstützen. Das Argument war, dass unser Magazin das ideale Mittel wäre, um die SPD MV schrittweise zu einem linken Landesverband zu machen.

Brodkorb: Ach ja! Unsere Überzeugung war, dass sich durch die Lektüre unseres Magazins die Partei programmatisch verwandeln lassen würde. Durch politische Argumente, Schritt für Schritt. Dass von Beginn an z.B. plattdeutsche Texte dabei waren, hatte vor allem den Grund, zunächst unverfängliche Angebote zu unterbreiten. Dass es am Ende eine der besten Rubriken wurde …

Bliemel: … die sogar zu einer separaten Buchpublikation der Autorin führte …

Brodkorb: … hatte keiner geahnt. Jedenfalls waren wir Jusos damals der Auffassung, die Parteilinke wäre einfach zu schwach. Und in einer »Geheimaktion« hatten wir dann dieses Magazin auf die Beine gestellt und auf dem Parteitag nach der Landtagswahl 2002 verteilt. Wir waren ganz aufgeregt und dachten: »Das wird der absolute Knaller!« Allerdings hat das damals keiner der Genossen gemerkt (lacht).

Bliemel: Das hat uns allerdings nicht gestört.

Brodkorb: Um das zu verstehen, muss man noch einmal an die damalige Situation erinnern: Damals waren Harald Ringstorff und Sigrid Keler politisch die wichtigsten Akteure in der SPD. Wir haben auf Parteitagen manchmal über Stunden mit ihnen um 500.000 Euro gestritten – und häufig verloren. Wir waren dann immer ganz verzweifelt, weil wir nicht an das Geld für unsere tollen politischen Projekte herankamen.

Bliemel: Heute ist das anders…

Brodkorb: In vielerlei Hinsicht … Am Ende hat gerade der Sparkurs von Ringstorff und Keler dazu geführt, dass wir uns heute einen linken Kurs leisten können und einen Landeshaushalt mit größeren Spielräumen haben, z. B. für Kitas und Schulen. Das, was wir also mit horizonte erreichen wollten, ist in gewisser Hinsicht eingetreten, der Landesverband ist nach links gewandert – aber leider ohne unser Zutun. Das verdanken wir ironischerweise ausgerechnet unseren früheren parteiinternen Gegnern und ihrem konsequenten Sparkurs, den wir damals ganz fürchterlich fanden.

Bliemel: Das mag sein. Aber eigentlich hatte sich die Redaktion von dieser Unterwanderungsstrategie auch bald verabschiedet.

Brodkorb: Stimmt – nachdem wir den Dekalog der sozialistischen Tugenden abgearbeitet hatten, wurde es auf die Dauer langweilig, immer der Oberlehrer zu sein. Ich bin ja nach der Wahl 2011 aus dem Projekt ausgestiegen – warum habt ihr dann eigentlich weitergemacht?

Bliemel: Für mich hatte horizonte bald nichts mehr mit diesen Anfängen zu tun. Es war Sinn genug, die Dinge, die viele von uns bewegten, einmal aus anderen Perspektiven zu sehen, Gewohnheiten in Frage zu stellen, aus der Bequemlichkeit der eigenen festgefahrenen Anschauungen herauszukommen. Am Anfang war dies ein Ansatz, der sich sehr auf das Politische bezogen hat, später wurde es offener…

Brodkorb: … ein Zeitgeist-Magazin.

Bliemel: Ja, vielleicht trifft es das. Die Frage, die ich mir manchmal stelle: Kann man heute überhaupt noch durch das politische Schreiben, durch das ausformulierte Vortragen von Argumenten Menschen überzeugen oder wenigstens mit ihnen in eine Auseinandersetzung treten? Die Zeiten scheinen mir vorbei. Aber wo findet dann heutzutage die politische Diskussion, die Willensbildung statt?

Brodkorb: Ehrlich gesagt: Das weiß ich auch nicht recht … Die Zahl der Medien ist spätestens durch das Internet so ins Unendliche gewachsen, dass eigentlich kaum noch Relevanz erreicht werden kann. Es gibt keine zentralen Orte der Willensbildung mehr und kaum noch Raum für strukturierte Argumente. Wir jonglieren nur noch mit Gedankenfetzen. Das ist auf Facebook nicht anders als bei Fernsehtalkshows.

Bliemel: Das scheinen erfolgreiche Politiker heute verinnerlicht zu haben: Zum Regieren genügt es, den Eindruck zu vermitteln, man habe alles im Griff. Alles Konkrete würde in unserer fragmentierten Welt nur versickern oder gar stören. Du siehst: Es ist höchste Zeit, Neues zu beginnen …

Stephan Bliemel (1978) ist freier Autor, Verleger sowie Mitbegründer und Herausgeber des Magazins horizonte.
Mathias Brodkorb (1977) ist Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern, seit 2002 Mitglied des Landtages M-V sowie Mitbegründer und langjähriger Redakteur des Magazins horizonte.

Ausgabe 50 (»Die Letzte«)

horizonte50_800pxNun ist die letzte Ausgabe des Magazins horizonte erschienen.

Dass diese Zeitschrift seit ihrer Gründung im Jahr 2002 in 50 Ausgaben erscheinen konnte, ist vielen Menschen zu verdanken: Den langjährigen Herausgebern Mathias Brodkorb, Christian Kleiminger, Thomas Lenz, Bernd Röll, Dr. Steffen Schoon, Nikolaus Voss sowie vielen weiteren ehemaligen Herausgeberinnen und Herausgebern; der SPD Mecklenburg-Vorpommern, die das Magazin seit der Ausgabe 13 allen ihren Mitgliedern zur Verfügung gestellt hat; dem Forum Demokratische Linke 21, welches die Magazingründung vor 13 Jahren mit einer Anschubfinanzierung unterstützt hat; der Rostocker Druckerei Altstadtdruck GmbH, die uns seit der ersten Ausgabe ein zuverlässiger Partner gewesen ist; der Friedrich-Ebert-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern, die ihre Räumlichkeiten für unsere Redaktionstreffen zur Verfügung gestellt hat; den unzähligen Autorinnen und Autoren, allen voran Susanne Bliemel, Udo Knapp und Arne Boecker; dem Gestalter Sebastian Maiwind sowie den stets ehrenamtlich arbeitenden Redaktionsmitgliedern, insbesondere den Redakteuren der letzten Jahre: Silke-Maria Preßentin, Erik Gurgsdies, Robert Patejdl und Stefan Bruhn. Und zu guter Letzt gilt Ihnen, unseren treuen Leserinnen und Lesern, unser Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

All jene, die noch nicht genug haben oder die die eigene Sammlung vervollständigen wollen, sind eingeladen, Einzelexemplare früherer Ausgaben nachzubestellen. Außerdem ist ein Taschenbuch mit ausgewählten Artikeln, Interviews und Porträts aus 50 Ausgaben horizonte erschienen.

Anlässlich der letzten Ausgabe erinnern sich die beiden Mitbegründer des Magazins, Mathias Brodkorb und Stephan Bliemel, an die Anfänge und was daraus wurde …: »Das wird der absolute Knaller!«

»Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!«

Nach 21 Jahren Politik als Beruf hat Gottfried Timm noch einmal einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Ein Interview über das Enden und Neubeginnen mit Gottfried Timm

Abschied und Neubeginn: Der scheidende Innenminister Gottfried Timm (SPD) übergibt den Staffelstab (offenbar in Form einer Whiskeyflasche?) an seinen Nachfolger Lorenz Caffier (CDU). – Foto: Privat

horizonte: Herr Timm, Sie sind in der bewegten Wendezeit Politiker geworden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie einen neuen Beruf ergriffen hatten?

Gottfried Timm: Das habe ich gemerkt, als ich vom Präsidenten des Oberkirchenrates eine Urkunde erhielt, mit der ich als Pastor »in den Wartestand« geschickt wurde. Da wusste ich: Jetzt bist du raus – und fragte mich: Wo bist du gelandet?

horizonte: Für DDR-Bürger war der Beruf des Politikers ja etwas Neues. Wie hat Ihr damaliges Umfeld darauf reagiert?

Timm: Sehr unterschiedlich. Es gab Enttäuschungen, manche fühlten sich vielleicht allein gelassen, weil sie als politisch Aktive in der Kirche diesen Schritt nicht gegangen sind. Es gab aber auch prominente Unterstützer in der Kirchenleitung, die nicht wollten, dass die alten Kräfte wieder an die Macht kommen.

horizonte: Daraus sind 21 Jahre Politik als Beruf geworden. Kann man danach noch etwas anderes machen?

Timm: Na klar. Man muss allerdings die Verbindung zu sich selbst behalten. Ich hatte mal ein »Aha-Erlebnis«, als ich Mitglied des Bundesvorstandes der SPD war. Da habe ich einen prominenten Parteigenossen erlebt, der grau dasaß und nur darauf wartete, etwas sagen zu dürfen. Ich habe diesen Genossen als Person, als Menschen, nicht mehr erkannt. Ich hab’ mir gesagt: Gottfried, pass auf!

horizonte: Aber war nicht auch Ihr Ausscheiden vom Ende Ihrer Ministertätigkeit und der knappen Niederlage im Oberbürgermeisterwahlkampf in Schwerin geprägt?

Timm: Ich hatte schon vor 2006 überlegt, ganz aus der Politik auszusteigen. Dann bin ich geblieben, aber mit dem festen Vorsatz, mir mit der Klimaschutzpolitik noch einmal ein anderes politisches Feld zu erschließen. Das waren fünf intensive Jahre, in denen ich viel gelernt habe und das Gefühl hatte, auf der richtigen Seite zu stehen: Auf der Seite der »Bewahrung der Schöpfung« und eben nicht z.B. auf der Seite des Steinkohlekraftwerkes Lubmin. Was die Wahlniederlage betrifft: Ich kann und ich will damit leben. In einer Demokratie zu verlieren, das ist kein Gesichtsverlust. Auch mein Ministeramt war für mich immer ein Amt auf Zeit.

horizonte: Man hat das Gefühl, andere Spitzenpolitiker sehen das anders und wollen möglichst lange ihr Amt behalten. Haben Sie dafür Verständnis?

Timm: Eigentlich nicht. Ein politisches Amt muss immer ein Amt auf Zeit sein. Derzeit verändert sich die Welt so schnell durch die Globalisierung, die technischen Entwicklungen, den überbordenden Konsumismus, die kulturelle Entwurzelung – alles ist im Wandel und dieser Wandel muss sich auch im politischen System wieder finden. Demokratie ist Herrschaft auf Zeit.

horizonte: Aber viele Politikerkarrieren enden mit der Rente oder unfreiwillig durch Abwahl oder Rücktritt. Warum ist der selbstbestimmte Weg zurück in den alten Beruf so selten?

Timm: Das kann ich nicht beurteilen. Ich selbst habe erlebt, wie die Handlungsspielräume für Minister, aber vor allem für Abgeordnete fortlaufend kleiner wurden. Nichtigkeiten wurden gelegentlich aufgeblasen. In den 1990er Jahren war unser Gestaltungsspielraum in der Landespolitik bedeutend größer.

horizonte: Fiel Ihnen der Weg in eine neue Existenz leicht?

Timm: Es gab schon ein Vakuum, ich hatte noch kein konkretes Betätigungsfeld gefunden. Dann war ich erstmal längere Zeit Segeln in der Arktis. Unvorstellbar, wie dort der Klimawandel die Landschaft verändert. Nach meiner Rückkehr habe ich begonnen, ein sozialökologisches Wohnprojekt in Schwerin auf den Weg zu bringen. Und habe Kommunen und Unternehmen beim Thema Klimaschutzprojekte beraten. Dann hat die Mecklenburgische Kirche ein eigenes Energiewerk gegründet, um sich mit kircheneigenen regenerativen Ressourcen selbst zu versorgen, für das ich nun als Geschäftsführer tätig bin.

horizonte: Immer wieder flammt die Diskussion über fragwürdige Anschlussbeschäftigungen von Regierungsmitgliedern auf. Wie sehen Sie dies?

Timm: Wenn ein Kulturminister einen Bauernhof übernehmen will, soll er das tun. Aber wenn sich politische und wirtschaftliche Tätigkeit überschneiden, sollten Amtsträger eine Karenzzeit abwarten. Dass aber auch Politiker als Queraussteiger wieder zurück in die Gesellschaft gehen, sollten wir alle unterstützen. Dieses ist letztlich auch eine Frage von Anstand und Moral.

horizonte: Was können Sie denn jungen Menschen raten, die Berufspolitiker werden wollen?

Timm: Ich bin über jeden froh, der heute Lust auf Politik hat. Wir alle sind auf junge Leute angewiesen, die die öffentlichen Angelegenheiten in ihre Hände nehmen wollen. Ich rate jedem, zuvor einen Beruf zu ergreifen, um eine geerdete Verbindung mit den Menschen zu bekommen. So kann man »Mensch unter Menschen« bleiben. Wenn mir jemand mit 20 sagt: »Ich will Politiker werden«, dann interessiert mich sein Motiv. Manche haben falsche Vorstellungen über ihr zu erwartendes Gehalt, andere sind ideologisch geprägt. Politiker brauchen zwei Eigenschaften: Sie müssen nah bei den Menschen sein und sie müssen den Weitblick für die Folgen ihrer Entscheidungen entwickeln. Politik ist keine Wissensaufgabe, sondern eine emotionale Herausforderung: Denn man vertritt ja andere Menschen, das Volk.

horizonte: In der Rückschau: Be-reuen Sie die vielen Jahren, in der Sie Berufspolitiker gewesen sind?

Timm: Ich möchte keines dieser Jahre missen, auch wenn es manche schwere Phasen gab. Mit der Erfahrung von heute würde ich aber weniger auf »Sachzwänge« und mehr auf mich selber hören, trotz aller Kompromisse, die nötig sein können.

horizonte: Ist das Ende dann nicht bitter, weil man daran nichts mehr ändern kann?

Timm: Wenn man für sich erkennt, dass etwas zu Ende geht, dann sollte man die Kräfte sammeln, um dieses auch zu beenden. Erst dann ist ein Ende auch ein neuer Anfang. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich nur noch durchs Leben schleppt und sich selbst und andere unglücklich macht.

horizonte: Vielen Dank für das Gespräch! ϒ

Dr. Gottfried Timm (1956) ist Theologe und war von 1990 bis 2011 Landtagsabgeordneter der SPD und zwischen 1998 und 2006 Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Das Interview führte Stephan Bliemel.

horizonte 49: Ende

Cover49_WebDie Nummer 49 wird die vorletzte Ausgabe des Magazins horizonte sein. Wir – die langjährig zusammenarbeitende fünfköpfige Redaktion – haben uns entschieden, nach zwölf Jahren ehrenamtlicher journalistischer Tätigkeit dieses Magazinprojekt zu beenden. Nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken und ohne Groll tun wir dies – so wie es sich für ein gutes Ende gehört.

Noch ist nicht der Platz für Schluss- und Dankesworte, da wir mit dem kommenden Heft 50 noch eine abschließende Jubiläumsausgabe planen. Stattdessen haben wir unsere Entscheidung zum Anlass genommen, einmal über das »Ende« an sich nachzudenken und widmen nun diese vorletzte Ausgabe der horizonte diesem Thema. Denn um einen bekannten Hermann-Hesse-Vers abzuwandeln: Auch jedem Ende wohnt ein Zauber inne! Aber das wusste der Dichter natürlich auch: »Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.« (Hermann Hesse: Stufen) Weiterlesen

»Ich bin kein Parteienhasser«

Roland Methling, parteilos: Seit 2005 Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock

Roland Methling, parteilos: Seit 2005 Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock

Geht es eigentlich auch ohne Parteien? Wir fragen Roland Methling, den parteilosen Rostocker Oberbürgermeister, der als Kritiker der etablierten Rostocker Parteien gilt …

horizonte: Herr Methling, Sie sind im Kommunalwahlkampf mit dem Slogan: »Mittendrin statt nur Partei!« aufgetreten. Offenbar soll das bedeuten, dass Parteien nicht mehr »mittendrin« sind, also ihre Repräsentationsfunktion verloren haben?

Roland Methling: Nein, das ist eine etwas zu einfache Interpretation. Ich habe auf vielen Veranstaltungen gesagt, dass man nur wirksam gestalten kann, wenn man Teil einer Partei oder Bewegung ist. Aber an vielen Stellen fehlt es insbesondere an betriebswirtschaftlichem Sachverstand, auch in der Rostocker Bürgerschaft. Und deshalb rufe ich immer wieder dazu auf, sich einer demokratischen Partei oder Gruppierung  anzuschließen. Wo jemand mitmacht, ist dann völlig egal. Hauptsache man bringt Persönlichkeit und gesunden Menschenverstand mit. Insbesondere in der Kommunalpolitik verwischen sich ja parteipolitische Grenzen.

horizonte: Sie werden von der Wählerinitiative Unabhängige Bürger für Rostock (UFR) unterstützt. Ist es also egal, ob man die UFR oder eine beliebige Partei wählt?

Methling: Die UFR unterstützt die Wahlprogramme aller in der Rostocker Bürgerschaft vertretenen demokratischen Parteien. Wir haben nur zwei Unterschiede: Wir wollen als Einzige das Traditionsschiff in den Stadthafen holen und als Zweites wollen wir Haushaltsdisziplin mit aller Konsequenz. Die Programme der Parteien unterscheiden sich kommunalpolitisch ansonsten kaum.

horizonte: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Oberbürgermeister im Verhältnis zur Rostocker Bürgerschaft?

Methling: In den Kommunen gibt es keine Exekutive und Legislative. 1990 kamen aber nach Rostock Berater aus Bremen, die hier die Auffassung hereingetragen haben, die Bürgerschaft wäre so eine Art Parlament. So ist das aber auf der kommunalen Ebene nicht gewollt. Eine Kommune ist eher wie ein Unternehmen organisiert – mit Geschäftsführung und Aufsichtsrat. Auch das Innenministerium in Schwerin betont immer wieder, die Bürgerschaft sei Teil der Verwaltung. Normalerweise sollte also – wie in einem Aufsichtsrat – kontrovers diskutiert werden, dann fasst man mehrheitlich einen Beschluss, zu dem man dann auch zu stehen hat. In Rostock hat sich die Unkultur entwickelt, dass Beschlüsse gefasst und hinterher von einem Teil der Bürgerschaft öffentlich in Frage gestellt werden.

horizonte: Aber ignoriert diese Haltung nicht die Tatsache, dass es in einer großen Stadt wie Rostock natürlich unterschiedliche Interessen und Positionen gibt, die auch öffentlich ausgefochten werden müssen?

Methling: Dafür gibt es ja Gelegenheit in den Beratungen der Bürgerschaft. Aber anschließend muss dann auch Ruhe sein und auf kommunaler Ebene Einigkeit bestehen. So etwas schadet ansonsten der demokratischen Kultur und dem Umgang miteinander.

horizonte: Auffällig ist, dass Ihr Verhältnis zur Bürgerschaft recht spannungsreich ist. Hat das etwas damit zu tun, dass Sie parteilos und dadurch nicht in den traditionellen Parteistrukturen verankert sind?

Methling: Niemand wird behaupten, dass ich die Rostocker Parteistrukturen nicht kenne und nicht weiß, wie Interessenlagen in Parteien entstehen. Nach meiner Wahl 2005 habe ich gesagt, dass ich die Beschlüsse zur Haushaltskonsolidierung ernst nehme, was wohl niemand so richtig geglaubt hatte. Denn zwischen 2001 und 2005 war die Stadt von einem ausgeglichenen Haushalt zu einem Jahresminus von 100 Mio. Euro gekommen. Und vor allem habe ich die Privilegien von Parteien angegriffen, insbesondere, was die Misswirtschaft in den Rostocker Gesellschaften mit ihren SPD-Geschäftsführern betrifft. Die WIRO und die Straßenbahn AG waren das Rückgrat der Parteien. Das haben wir aufgedeckt und korrigiert und das schafft nicht nur Freunde. Übrigens: Ministerpräsident Ringstorff hat mir zwei Monate lang nicht die Hand gegeben. Das spricht dafür, wie tief gerade in der SPD der Schock gesessen hat, dass hier die Hochburg verloren wurde.

horizonte: Würden Sie den Einfluss der Parteien auf die Stadt als Filz bezeichnen?

Methling: Ja, das war Filz.

horizonte: Glauben Sie, dass Filz immer entsteht, wenn Parteien oder Amtsinhaber zu lange an der Macht sind?

Methling: Wenn sie zu ungestört sind, dann erhöht sich sicher das Risiko. Es gibt aber auch Menschen in Verantwortung, die auch nach 20 Jahren Macht nicht in Versuchung geraten. Was mich wundert, ist aber, dass bis heute in Schwerin niemand die Frage gestellt hat, wie es in Rostock speziell bei der RSAG und insbesondere bei der WIRO so weit kommen konnte. Hier wurden über 15 Jahre immerhin 1,8 Mrd. Euro an Auftragswerten vergeben, ohne das öffentliche Vergaberecht einzuhalten! Und alle Parteien haben kritiklos mitgemacht!

horizonte: »Mittendrin statt nur Partei« hat also offenbar doch einen parteikritischen Hintergrund. Können Sie sich eigentlich eine Demokratie ohne Parteien vorstellen?

Methling: Meinungsbildung kann man nur in Gruppen voranbringen. Man muss schon Gemeinschaften bilden, sonst würden ja alle aufeinander losgehen und der Stärkste gewinnt. Ich bin kein Parteienhasser. Aber die Parteien und Politiker müssen sich auch auf allen Ebenen daran messen lassen, wie sie zu den grundlegenden Problemen in der Welt stehen: Armut, Wassermangel, Kindersterblichkeit – all den Pro-blemen in der »Dritten Welt«. Dass diese Fragen auf kommunaler Ebene und im Land keine abrechenbare Rolle spielen, sehe ich als Entsolidarisierung.

horizonte: Vielen Dank für das Gespräch!

Roland Methling (1954) ist Diplom-Ingenieur und seit 2005 Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Er ist parteilos und gehört seit 2009 zum Wählerbündnis »Unabhängige Bürger für Rostock«.

Das Interview führte Stephan Bliemel.

horizonte 48: Partei

Cover48_800px»Gäbe es Parteien nicht, man müsste sie erfinden – nein: Sie würden von selbst entstehen …«
Wer nicht glaubt, was Bundespräsident Johannes Rau vor zehn Jahren über die Bedeutung von Parteien gesagt hat, sollte in die Gesichter der Menschen schauen, die die Titelseite unserer aktuellen horizonte-Ausgabe zeigt: Ein etwas unsicherer Stolz, ein ungläubiger Mut im Bewusstsein einer unerhörten Selbstermächtigung, Hände die ineinander greifen – nur die besten Kleider sind gut genug für diesen Moment: Als sich Arbeiter, Steinhauer, Schneider, Maurer, Zimmerleute mit ihren Frauen und Kindern 1893 in Waren zusammenfinden und einen örtlichen Arbeiterfortbildungsverein gründen.
Ob sich diese Energie und Zuversicht auch bei den Menschen wieder finden lässt, die sich in unseren Zeiten an den langen Tischreihen der heutigen Parteitage versammeln?
In jedem Fall ist die Parteinahme – also die Kraft der Teilhabe für etwas – in der Welt und wird dort immer wieder aufflammen, wo Menschen über Einzelinteressen hinaus nach größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen und nach dauerhaften Verbündeten streben. Weiterlesen

Rüsselmassage

© WEDA Damman & Westerkamp GmbH

Befestigt in der Wand einer Schweinebuchte befinden sich, aufgepflanzt auf dicken Zugfedern, drei gelbe Kugeln aus Kunststoff, sieben Zentimeter im Durchmesser. Was ist das? Ein Sensor für die Umweltbedingungen im Stall? Ein Bestandteil der Brandschutzanlage? Ein Medikamentenspender? Bestandteil einer Schweinewaschanlage? Oder doch ein raumluftverbessernder Duftspender?

Die moderne Tierhaltung ist uns durch ihre rasante Weiterentwicklung mittlerweile fremd und unbekannt geworden. Gefühlsmäßig gilt sie Vielen als Sinnbild für die Grausamkeit des konsumorientierten Menschen, dem sie ihre heile Bioproduktewelt entgegenhalten wie dem Beelzebub das Kruzifix. Was dabei vergessen wird: Die ungebrochene Fleischeslust der Menschen macht die konventionelle Tierhaltung unverzichtbar. Am Ende kann keine Seite die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen.

Wer sich dieser Situation bewusst ist und trotzdem professionell in die »Tierproduktion« einsteigt, muss mit der Zeit entweder ausgeprägte Verdrängungsmechanismen entwickeln oder ein hohes Maß an Optimismus und Kreativität mitbringen. Oder man muss eben gerade dieses Hadern der Menschen mit der sie ernährenden modernen Landwirtschaft interessant finden. So ergangen ist es Stephanie Müller. Aus einer Ärztefamilie ohne jede Verbindung zur Landwirtschaft kommend, begann sie nach dem Abitur ein Studium der Agrarwissenschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Die große Vielfalt des Fachs, der möglichen Tätigkeitsbereiche und der im Gegensatz zu so vielen anderen modernen Berufen klar erkennbare unmittelbare Nutzen des eigenen Tuns, insbesondere im Bereich von Tierhaltung und Lebensmittelherstellung, faszinierten sie damals. Wenn man sie heute danach fragt, spürt man noch die Begeisterung in der Stimme. »Man kann einfach richtig gute Sachen mit dem machen, was man sich an Fähigkeiten und Wissen aneignet«.

Nach Abschluss eines Grundstudiums ging sie nach Witzenhausen an die Universität Kassel zum Studiengang »Ökologische Landwirtschaft« und arbeitete dort intensiv an einem zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbeachteten Thema, dem sie schließlich auch ihre Diplomarbeit widmete: In der Arbeitsgruppe von Dr. Uwe Richter suchte man nach »Beschäftigungsmöglichkeiten für einstreulos gehaltene Mastschweine«. Das klingt befremdlich, denn »einstreulose Haltung« bedeutet eine Haltung auf blankem Metall mit Löchern zur unkomplizierten Entsorgung der Exkremente. Es geht also um ein Projekt, das auf konventionell gehaltene Tiere ausgerichtet ist. Aber wozu dann Beschäftigungsmöglichkeiten erfinden, wenn dort der schnellstmöglich erzielte Fleischertrag zu minimalen Kosten das einzige Maß der Erfolgs ist, wie man zu wissen glaubt?

Wir können hier keine umfassende Darstellung der Probleme moderner  Haltung in der Schweinemast geben, doch offensichtlich hängen  zumindest einige von ihnen mit dem Mangel an »Beschäftigung« zusammen. Besonders bekannte Beispiele sind das gegenseitige verstümmelnde »Schwanzbeißen« und das »Ohrenbeißen« der Mastschweine. Seit 2001 besagt eine EU-Verordnung, dass den Mastschweinen »angemessenes Beschäftigungsmaterial« zur Verfügung gestellt werden muss. Doch in den Betrieben wird dies ganz unterschiedlich umgesetzt, wie Stephanie Müller im Rahmen vieler Praktika beobachten konnte: »In manchen Ställen wird einfach ein alter Autoreifen in die Buchte geworfen und das war’s. Aber der wird kurz begutachtet, manchmal zerpflückt, in jedem Fall verlieren die Tiere schnell das Interesse«.

Die gefundene Lösung ist ebenso einfach wie genial: Die eingangs beschriebenen Kunststoffkugeln, die über starke Federn auf dem Untergrund befestigt sind, werden vom Schwein mit der Rüsselspitze – der »Rüsselscheibe« – intensiv betastet und ähnlich wie Wurzeln oder andere Gegenstände in der freien Wildbahn weggeschoben. Der durch die Federn geleistete Widerstand animiert dabei zusätzlich, und das Zurückschnellen der Federn bewirkt eine Bewegung der Kugeln, die für das Schwein nicht vorhersehbar ist. Durch die Verbindung von drei Kugeln entsteht damit der sogenannte »Wühlkegel«, an dem sich das Schwein intensiv den hochentwickelten Rüssel massieren und sich gleichzeitig der Illusion hingeben kann, auf der Suche nach Nahrung im Boden zu wühlen.

Die Ergebnisse der 2008 veröffentlichten Diplomarbeit waren beeindruckend und konnten auch in nachfolgenden Studien bestätigt werden: In der ersten Woche beschäftigten sich die Tiere acht Prozent der aktiven Zeit mit den an der Wand befestigten Wühlkegeln, nach vier Wochen waren es immerhin noch 4 Prozent – deutlich mehr als bei fast allen anderen Beschäftigungsmitteln. Es lag also nahe, das Projekt weiterzuentwickeln, im Rahmen einer Doktorarbeit weitere Untersuchungen durchzuführen und das Produkt reif für die Praxis und letztlich auch für die kommerzielle Vermarktung zu machen, die mittlerweile auch stattfindet.

Stephanie Müller aber hat an genau dieser Stelle aufgehört und es anderen überlassen, diesen Weg zu Ende zu gehen. Warum? »Es war gut und wichtig, was wir gemacht haben, das Hirnschmalz ist gut investiert gewesen. In beiden Bereichen – der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft – machen sich die Leute einen Kopf, wie alles besser werden kann, und was dabei herauskommt, ist eben oft auch für beide interessant. Die ganze Polarisierung ist letztlich Quatsch, es ist einfach immer eine ethische Frage, wie ich die Tierhaltung grundsätzlich gestalte. Auch kleine Verbesserungen in der konventionellen Haltung bedeuten viel, weil eben mehr als 90 Prozent der Tiere so gehalten werden. Wenn es um die Umsetzung geht, also wie man sein jeweiliges Ziel erreichen will, dann können beide Seiten sehr viel voneinander lernen. Ich wollte jedoch immer praktische ökologische Landwirtschaft machen. Und am Ende war das Projekt eines für die konventionelle Massentierhaltung.«

Robert Patejdl (1982) ist horizonte-Redakteur und arbeitet als Arzt.

horizonte 47: Tiere

Cover 47In der Chauvet-Höhle nahe der französischen Kleinstadt Vallont-Pont-d’Arc befinden sich Höhlenmalereien, die zu den ältesten der Welt zählen. Unsere Urahnen hinterließen uns dort nicht etwa Darstellungen ihrer selbst, sondern malten fast ausschließlich Tiere an die Wände der Höhlen: Wollnashörner, Höhlenlöwen, Mammuts, Hirsche, Panther und viele andere mehr. Bemerkenswert ist, dass dort alle Tiere friedlich beieinander stehen und keineswegs aggressiv wirken –  und dass, obwohl sie den Menschen der Steinzeit mit Sicherheit gefährlich werden konnten. Man hat den Eindruck, als würde in diesen Bildern das ersehnte »messianische Reich« der Bibel lebendig werden: »Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.« (Jesaja 11,6).

Die Realität der Steinzeit war natürlich eine andere: Als sich unsere Vorfahren nach der letzten Eiszeit ausbreiteten, starben mehr als 70 Prozent aller großen Säugetierarten aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach war schon damals der Mensch die Ursache für dieses große Artensterben.

Aber diese Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach einem harmonischen Leben mit den Tieren und ihrer Nutzung als Ressource hält bis heute an: Die unbedingte Liebe zu unseren Haustieren auf der einen Seite und die kalte industrielle Tierzucht und Fleischproduktion auf der anderen Seite sind die sich immer extremer unterscheidenden Seiten derselben Medaille. Hinzu kommt eine zunehmende Verunsicherung, da wir seit der Evolutionslehre und der Genforschung ahnen, dass uns weniger von den Tieren unterscheidet, als wir einst dachten.

Insofern ist jedes Nachdenken über Tiere immer auch ein Nachdenken über uns selbst. Weiterlesen

Von Spielen und Ziegen

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Warum Auto oder Ziege, wenn man auch beides haben kann? © Rodhullandemu

Spielen!

Die Schachliteratur vermerkt ein Gespräch, das 1953 während einer Turnierpartie in Zürich zwischen den Schachgroßmeistern Miguel Najdorf und Isaak Efremowitsch Boleslawski stattgefunden haben soll:

Najdorf: »Remis?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf nach einiger Zeit nachdenklich: »Spielen Sie auf Gewinn?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf sofort: »Also doch Remis?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf: »Spielen Sie auf Verlust?« Boleslawski: »Nein!« Najdorf: »Ja was wollen Sie denn?« Boleslawski: »Spielen!«

Und wenn man denn Schach spielen will, sieht man sich einer solchen Menge von Zugmöglichkeiten gegenüber, dass ein schieres Durchrechnen von Zügen bislang nicht nur die Spieler, sondern selbst die besten Schachcomputer überfordert: Die Zahl aller möglichen Spielverläufe wird mit bis zu 10120 angegeben, eine Zahl mit 120 Nullen! Und weil dies so ist, geht es beim Schach wie auch bei anderen komplizierteren Spielen um Strategie und Taktik, um nicht nur mit dem Gegner, sondern auch mit der unübersehbaren Fülle von Möglichkeiten fertig zu werden.

Damit kann man sich viel Zeit vertreiben, wobei die Besten unter den Schachspielern dabei auch noch gut Geld verdienen. Man kann sich aber auch damit beschäftigen, Gesellschaftsspiele nicht zu spielen, sondern intensiv über ihre allgemeinen Prinzipien nachzudenken.

Nachdenken!

Womit wir denn bei der Spieltheorie wären, die eng mit dem Namen John von Neumann verknüpft ist, einem in Ungarn geborenen US-Wissenschaftler, der als einer der genialsten und vielseitigsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts gilt. Spieltheorie deshalb, weil anfangs über populäre Gesellschaftsspiele wie Schach, Mühle und Dame nachgedacht wurde. Dabei wurde schnell klar, dass es sich bei diesen Spielen allgemein um Entscheidungsabfolgen zwischen Spielern handelt, deren Entscheidungen sich wiederum gegenseitig beeinflussen. Diese Beschreibung charakterisiert nun aber auch typische Handlungssituationen des realen Lebens, wie sie sich z.B. in der Wirtschaft beim Konkurrenzverhalten zwischen wenigen großen Anbietern finden.

Die Spieltheorie modelliert deshalb typische Spielsituationen und fragt nach möglichen Lösungen, wobei Spielsituationen wie Lösungen recht kompliziert ausfallen können. Das berühmteste Beispiel ist das sogenannte Gefangenendilemma, dessen Darstellung den hier zur Verfügung stehenden Raum jedoch sprengen würde. Ich möchte mich deshalb auf ein zwar nicht so typisches, aber doch unterhaltsames kleines Problem beschränken, von dem ein Spieltheoretiker schreibt, dass es wohl keinen Kollegen gegeben habe, der Ende der 1980er Jahre nicht in irgendeiner Form über dieses Problem nachgedacht hätte.

Gewinnen?

Bei einer amerikanischen Quizsendung ging es darum, eine Edelkarosse zu gewinnen. Auf der Bühne gab es drei verschlossene Türen. Hinter zweien davon standen Ziegen, hinter einer das besagte Edelauto. Als Erstes musste der Kandidat eine Tür auswählen, durfte sie aber nicht öffnen. Als Zweites öffnete der Moderator der Show eine der nicht vom Kandidaten gewählten zwei Türen, und zwar jene, hinter der eine Ziege stand. Damit verblieben dann zwei ungeöffnete Türen, hinter denen sich einmal das Objekt der Begierde, das Auto, und zum anderen die verbliebene Ziege befanden. Der Kandidat stand nun vor der Frage, ob es günstiger für ihn sei, bei seiner ursprünglichen Wahl zu bleiben oder zu wechseln.

Was würden Sie tun? 

Lösung: Es kommt auf den ersten Zug an: Da es zwei Ziegen und nur ein Auto gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, per Zufall eine Ziege zu wählen, doppelt so groß, wie die, das Auto zu treffen. Denn die Chance eine Ziege gewählt zu haben liegt bei 2/3, die Wahrscheinlichkeit das Auto getroffen zu haben bei 1/3. Verhält man sich rational, also vernunftgemäß, so muss man deshalb davon ausgehen, dass man im ersten Zug die Ziege getroffen hat. Dann muss man aber auch wechseln, um die Edelkarosse zu erhalten. 

Falsch ist die Vorstellung, nach Öffnen der einen Ziegentür existiere nur noch eine Fünfzig-zu-fünfzig-Wahrscheinlichkeit zwischen dem Auto und der verbliebenen Ziege. Denn diese Vorstellung vergisst den ersten Zug mit der doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit, eine Ziege anstelle des Autos zu treffen.

Natürlich kann man nie sicher sein, beim Wechseln auch tatsächlich das Auto zu erhalten. Aber würde man das Spiel beispielsweise 100-mal spielen und jedes Mal von seiner ursprünglichen Wahl zur noch verbliebenen Tür wechseln, so würde man 66-mal das Auto und 33-mal die Ziege erhalten. Und diese Wahrscheinlichkeit gilt auch für 1 Spiel: Die Chance das Auto durch Wechseln der Tür zu erhalten ist doppelt so groß wie mit der Ziege vorlieb nehmen zu müssen.

Bei diesem Spiel sind nicht wie bei typischen spieltheoretischen Modellen ein oder mehrere andere Spieler Gegner, deren Entscheidungen dann auf die eigenen Entscheidungen rückwirken, sondern die gegebene Zufallsverteilung. Insofern handelt es sich um eine untypische spieltheoretische Entscheidungssituation. Aber sich an der Wahrscheinlichkeitsverteilung des ersten Zuges zu orientieren und deshalb zu wechseln, stellt die einzig rationale Strategie dar – wenn einem denn das Auto lieber als die Ziege ist.

Erik Gurgsdies (1944) ist Ökonom und horizonte-Redakteur.

horizonte 46: Spielen

Cover46_800px»Ich will doch nur spielen« – so heißt es in einem Vers des Liedes »Das Spiel«, mit dem die Sängerin Annette Louisan im Jahr 2004 aus dem Nichts bekannt wurde. In dem süßlichen Popsong wundert sich das lyrische Ich darüber, dass sich nach einer gemeinsamen Nacht ihr Gegenüber in sie verliebt hat und eine Beziehung beginnen möchte. Das Spiel ist hier offensichtlich das Unverbindliche, das Spontane, das Ziellose, das Offene, während der Ernst der Liebe nach Verbindlichkeit, Sicherheit und Struktur zu streben scheint.

Interessant ist hier das kleine Wörtchen »nur«: Es schreibt dem Spiel ein geringeres Gewicht zu und übernimmt damit eine herrschende Konvention. Denn was sagen die Eltern zu ihren Kindern am Tag der Einschulung: »Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!« (Und wenn sie es nicht sagen, so glauben sie es zumindest insgeheim.) Friedrich Schiller hätte an dieser Stelle Einspruch erhoben: Für ihn ist das Spiel der Ort, wo der Mensch ganz frei von den ihn bedrängenden Anforderungen sein und sich in aller Vielfalt entfalten könne, denn »der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Klingt gut, unsere Lebenserfahrung lässt uns jedoch eher mit Brecht sagen: »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.«

Aber vielleicht brauchen wir ja Spiel und Ernst gar nicht als Gegensätze wahrzunehmen, sondern als etwas Zusammengehörendes: Im Spiel probieren wir uns aus, durchbrechen Konventionen, entwickeln uns weiter – und sind so besser gewappnet für die Ernstfälle des Lebens. Weiterlesen