Ausgabe 50 (»Die Letzte«)

horizonte50_800pxNun ist die letzte Ausgabe des Magazins horizonte erschienen.

Dass diese Zeitschrift seit ihrer Gründung im Jahr 2002 in 50 Ausgaben erscheinen konnte, ist vielen Menschen zu verdanken: Den langjährigen Herausgebern Mathias Brodkorb, Christian Kleiminger, Thomas Lenz, Bernd Röll, Dr. Steffen Schoon, Nikolaus Voss sowie vielen weiteren ehemaligen Herausgeberinnen und Herausgebern; der SPD Mecklenburg-Vorpommern, die das Magazin seit der Ausgabe 13 allen ihren Mitgliedern zur Verfügung gestellt hat; dem Forum Demokratische Linke 21, welches die Magazingründung vor 13 Jahren mit einer Anschubfinanzierung unterstützt hat; der Rostocker Druckerei Altstadtdruck GmbH, die uns seit der ersten Ausgabe ein zuverlässiger Partner gewesen ist; der Friedrich-Ebert-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern, die ihre Räumlichkeiten für unsere Redaktionstreffen zur Verfügung gestellt hat; den unzähligen Autorinnen und Autoren, allen voran Susanne Bliemel, Udo Knapp und Arne Boecker; dem Gestalter Sebastian Maiwind sowie den stets ehrenamtlich arbeitenden Redaktionsmitgliedern, insbesondere den Redakteuren der letzten Jahre: Silke-Maria Preßentin, Erik Gurgsdies, Robert Patejdl und Stefan Bruhn. Und zu guter Letzt gilt Ihnen, unseren treuen Leserinnen und Lesern, unser Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

All jene, die noch nicht genug haben oder die die eigene Sammlung vervollständigen wollen, sind eingeladen, Einzelexemplare früherer Ausgaben nachzubestellen. Außerdem ist ein Taschenbuch mit ausgewählten Artikeln, Interviews und Porträts aus 50 Ausgaben horizonte erschienen.

Anlässlich der letzten Ausgabe erinnern sich die beiden Mitbegründer des Magazins, Mathias Brodkorb und Stephan Bliemel, an die Anfänge und was daraus wurde …: »Das wird der absolute Knaller!«

horizonte 49: Ende

Cover49_WebDie Nummer 49 wird die vorletzte Ausgabe des Magazins horizonte sein. Wir – die langjährig zusammenarbeitende fünfköpfige Redaktion – haben uns entschieden, nach zwölf Jahren ehrenamtlicher journalistischer Tätigkeit dieses Magazinprojekt zu beenden. Nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken und ohne Groll tun wir dies – so wie es sich für ein gutes Ende gehört.

Noch ist nicht der Platz für Schluss- und Dankesworte, da wir mit dem kommenden Heft 50 noch eine abschließende Jubiläumsausgabe planen. Stattdessen haben wir unsere Entscheidung zum Anlass genommen, einmal über das »Ende« an sich nachzudenken und widmen nun diese vorletzte Ausgabe der horizonte diesem Thema. Denn um einen bekannten Hermann-Hesse-Vers abzuwandeln: Auch jedem Ende wohnt ein Zauber inne! Aber das wusste der Dichter natürlich auch: »Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.« (Hermann Hesse: Stufen) Weiterlesen

horizonte 48: Partei

Cover48_800px»Gäbe es Parteien nicht, man müsste sie erfinden – nein: Sie würden von selbst entstehen …«
Wer nicht glaubt, was Bundespräsident Johannes Rau vor zehn Jahren über die Bedeutung von Parteien gesagt hat, sollte in die Gesichter der Menschen schauen, die die Titelseite unserer aktuellen horizonte-Ausgabe zeigt: Ein etwas unsicherer Stolz, ein ungläubiger Mut im Bewusstsein einer unerhörten Selbstermächtigung, Hände die ineinander greifen – nur die besten Kleider sind gut genug für diesen Moment: Als sich Arbeiter, Steinhauer, Schneider, Maurer, Zimmerleute mit ihren Frauen und Kindern 1893 in Waren zusammenfinden und einen örtlichen Arbeiterfortbildungsverein gründen.
Ob sich diese Energie und Zuversicht auch bei den Menschen wieder finden lässt, die sich in unseren Zeiten an den langen Tischreihen der heutigen Parteitage versammeln?
In jedem Fall ist die Parteinahme – also die Kraft der Teilhabe für etwas – in der Welt und wird dort immer wieder aufflammen, wo Menschen über Einzelinteressen hinaus nach größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen und nach dauerhaften Verbündeten streben. Weiterlesen

horizonte 47: Tiere

Cover 47In der Chauvet-Höhle nahe der französischen Kleinstadt Vallont-Pont-d’Arc befinden sich Höhlenmalereien, die zu den ältesten der Welt zählen. Unsere Urahnen hinterließen uns dort nicht etwa Darstellungen ihrer selbst, sondern malten fast ausschließlich Tiere an die Wände der Höhlen: Wollnashörner, Höhlenlöwen, Mammuts, Hirsche, Panther und viele andere mehr. Bemerkenswert ist, dass dort alle Tiere friedlich beieinander stehen und keineswegs aggressiv wirken –  und dass, obwohl sie den Menschen der Steinzeit mit Sicherheit gefährlich werden konnten. Man hat den Eindruck, als würde in diesen Bildern das ersehnte »messianische Reich« der Bibel lebendig werden: »Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.« (Jesaja 11,6).

Die Realität der Steinzeit war natürlich eine andere: Als sich unsere Vorfahren nach der letzten Eiszeit ausbreiteten, starben mehr als 70 Prozent aller großen Säugetierarten aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach war schon damals der Mensch die Ursache für dieses große Artensterben.

Aber diese Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach einem harmonischen Leben mit den Tieren und ihrer Nutzung als Ressource hält bis heute an: Die unbedingte Liebe zu unseren Haustieren auf der einen Seite und die kalte industrielle Tierzucht und Fleischproduktion auf der anderen Seite sind die sich immer extremer unterscheidenden Seiten derselben Medaille. Hinzu kommt eine zunehmende Verunsicherung, da wir seit der Evolutionslehre und der Genforschung ahnen, dass uns weniger von den Tieren unterscheidet, als wir einst dachten.

Insofern ist jedes Nachdenken über Tiere immer auch ein Nachdenken über uns selbst. Weiterlesen

horizonte 46: Spielen

Cover46_800px»Ich will doch nur spielen« – so heißt es in einem Vers des Liedes »Das Spiel«, mit dem die Sängerin Annette Louisan im Jahr 2004 aus dem Nichts bekannt wurde. In dem süßlichen Popsong wundert sich das lyrische Ich darüber, dass sich nach einer gemeinsamen Nacht ihr Gegenüber in sie verliebt hat und eine Beziehung beginnen möchte. Das Spiel ist hier offensichtlich das Unverbindliche, das Spontane, das Ziellose, das Offene, während der Ernst der Liebe nach Verbindlichkeit, Sicherheit und Struktur zu streben scheint.

Interessant ist hier das kleine Wörtchen »nur«: Es schreibt dem Spiel ein geringeres Gewicht zu und übernimmt damit eine herrschende Konvention. Denn was sagen die Eltern zu ihren Kindern am Tag der Einschulung: »Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!« (Und wenn sie es nicht sagen, so glauben sie es zumindest insgeheim.) Friedrich Schiller hätte an dieser Stelle Einspruch erhoben: Für ihn ist das Spiel der Ort, wo der Mensch ganz frei von den ihn bedrängenden Anforderungen sein und sich in aller Vielfalt entfalten könne, denn »der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Klingt gut, unsere Lebenserfahrung lässt uns jedoch eher mit Brecht sagen: »Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.«

Aber vielleicht brauchen wir ja Spiel und Ernst gar nicht als Gegensätze wahrzunehmen, sondern als etwas Zusammengehörendes: Im Spiel probieren wir uns aus, durchbrechen Konventionen, entwickeln uns weiter – und sind so besser gewappnet für die Ernstfälle des Lebens. Weiterlesen

horizonte 45: Rauchen

horizonte45_Druck.inddRaten Sie doch einmal, wie viele Mitglieder der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern rauchen oder lange Zeit geraucht haben.

Die Antwort lautet: sechs von neun. Das würde eine ansehnliche »Cabinet«-Sitzung ergeben. Das Erstaunliche daran aber ist, dass Sie wahrscheinlich kein Foto eines rauchenden Ministers oder einer rauchenden Ministerin finden werden. Während in früheren Zeiten das öffentliche Rauchen ein Symbol für Aufbruch und Avantgarde war – für die Künstler der Jahrhundertwende, für die Arbeiter im frühen Kapitalismus, für die Frauen der Emanzipationsbewegung – ist es heute zum vermeintlich antisozialen Laster verkommen. Das Verhalten von Politikern ist hierfür ein Beleg, da sie meist ein gutes Gespür für ihre eigene öffentliche Wirkung entwickelt haben.

Während Rauchverbote in den vergangenen Jahrhunderten in der Regel von den Herrschenden erlassen wurden, ist es heute die sendungsbewusste Meinungsmacht der Bevölkerungsmehrheit, die den Druck auf die Raucher erhöht. Das macht das Rauchen auch zu einem politischen Thema mit Grundsatzcharakter, denn hierbei wird die Frage nach den Zielen des Gemeinwesens und der Selbstbestimmung des Einzelnen verhandelt. Eine Frage, die alle – ob Raucher oder Nichtraucher – etwas angeht. Weiterlesen

horizonte 44: Garten

horizonte44_Web_CoverWas ist eigentlich ein Garten?

Die Frage klingt naiv, aber glauben Sie mir: Je länger Sie darüber nachsinnen werden, um so schwieriger wird es, eine Antwort zu finden. Wahrscheinlich denken Sie als Erstes an die Natur: An üppiges Grün, leuchtende Blüten, süße Früchte. Wie schön! Aber das, was wir Garten nennen, hat eigentlich wenig mit der Natur zu tun. Jeder Gärtner weiß: Ein Garten wird der Natur immer wieder abgerungen – Boden wird kultiviert, Zweige geschnitten, Gras gemäht, Wildkräuter gejätet, es wird gesät, geteilt, angebunden, gewässert, gemulcht, gedüngt, gezupft, gepflanzt. Immer wieder. Der Garten ist auf die Natur bezogen und folgt doch einer eigenen, einer zutiefst menschlichen Ordnung.

Aber wozu? Vielleicht haben wir die Sehnsucht, uns als Teil von etwas Größerem zu spüren; hoffen, uns in der Natur wiederzufinden – und müssen sie doch ständig bezähmen, befrieden, kultivieren, um sie ertragen zu können. Insofern ist der Garten der Ort des Menschseins schlechthin: Nah bei der Natur, aber doch mehr als ein Teil von ihr – gestaltend, aber doch ohne wirkliche Schöpferkraft. Weiterlesen

horizonte 43: Platte

Cover_800pxGleich vorweg: Ja, auch im »Westen« gab und gibt es die Platte. Dennoch: In der DDR wurden viermal so viele Großsiedlungen gebaut, die zehn größten Neubaugebiete sind dort errichtet worden, in Städten wie Rostock dominieren sie den Wohnungsbestand. Bei aller Relativierung: Der Plattenbau ist ein ostdeutsches bzw. osteuropäisches Phänomen. Und er war nicht nur ein besonderer architektonischer Weg, sondern auch in Beton gegossener Ausdruck des Gesellschaftsmodells im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Bis 1990 wurde die Platte produziert, danach ist sie übergangslos zur Erblast geworden. Und in kaum einem anderen Bereich wich die Selbstwahrnehmung der Ostdeutschen anfangs so von der Fremdwahrnehmung der Westdeutschen ab. Ursache war – wie so oft – die Übertragung eigener Erfahrungen auf äußerlich ähnliche Phänomene. Im Westen war die Vorstellung vom Leben in der Platte eng verknüpft mit den dortigen Problemen in Großsiedlungen: Jugendgewalt, Arbeitslosigkeit, hohem Ausländeranteil. Im Osten hingegen – Umfragen kurz nach der Wende bestätigten dies – fühlten sich die Bewohner der Platte aufgrund des vergleichsweise hohen Wohnkomforts privilegiert.

Das änderte sich schnell: Die Projektion der Westerfahrungen führte zu einem massiven Imageverlust der Platte. Die es sich leisten konnten, zogen weg, oft in ähnlich uniforme Neubausiedlungen in den Speckgürteln der Städte – aber dies ist schon wieder eine andere Geschichte. Was bleibt, sind hunderttausende Wohn-ungen in Plattenbauweise, mit und in denen wir sicher noch ein halbes Jahrhundert leben werden. Ob das gut geht? Weiterlesen

horizonte 42: Polen

Heft 42: Polen

Wir Deutsche haben neun Nachbarn. Und von diesen sind uns die Franzosen am liebsten – so bestätigen es zumindest regelmäßig verschiedene Bevölkerungsumfragen. Unsere polnischen Nachbarn im Osten hingegen werden von uns noch immer mit zurückhaltender Skepsis betrachtet. Allerdings gibt es seit der Wende langsam, aber spürbar, wachsende Sympathien für die Polen. Vor allem die Klischees verändern sich: Dominierten in der Vergangenheit Vorstellungen von »Rückständigkeit«, »Armut« und »Kriminalität« die Meinung des Stammtisches, kommt immer häufiger die Anerkennung eines besonderen »Fleißes« hinzu. Ausdruck fand dies kürzlich in einer vielbeachteten Aussage des Bundespräsidenten Joachim Gauck, der in Neapel (!) befunden haben soll, dass die Polen fleißiger als die Deutschen seien.

Ob nun die Fleißigsten immer auch die Sympathischsten sind, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall tut sich etwas in unserem Nachbarland. Selbst während des schweren Krisenjahres 2009, in dem die deutsche Wirtschaft um 5,1 % geschrumpft war, gab es in Polen noch ein anständiges Wachstum. Seitdem spricht man gerne vom »Weichsel-Tiger«, der auf dem Sprung nach vorne sei. Und wer unser Nachbarland mit offenem Blick besucht, wird auch jenseits der Ökonomie etwas von dieser Dynamik spüren. Man trifft dort auf eine von Jugendlichkeit und Aufbruch geprägte Gesellschaft, die ihren Platz in der Welt sucht und von den neuen Freiheiten nicht genug bekommen kann.

Wir Ostdeutschen gehörten ja einmal irgendwie dazu – zu diesem jungen Osteuropa. Dann kam die Wende. Der Anschluss an die gefestigte und gesättigte Bundesrepublik hat uns zwar Wohlstand und Sicherheit gebracht. Gekostet hat es uns aber den Stolz der Selbstverantwortung und den Mut zur Freiheit. Insofern lohnt sich ein Blick über den östlichen Gartenzaun besonders. Weiterlesen

horizonte 41: Schulden

Das Vertrackte an den Schulden ist, dass mit ihnen offenbar eine »Schuld« verbunden ist. Und dies nicht nur im fiskalischen, sondern auch im moralischen Sinne. Zumindest lassen dies die gemeinsamen sprachlichen Wurzeln vermuten. So werden in vielen indoeuropäischen Sprachen die Wörter für »Schulden« synonym für »Sünden« verwendet. Der Begriff des »Kredits« wurzelt in dem Wort für »Vertrauen« oder »Glauben«. Das deutsche Wort »Geld« ist mit dem englischen Wort »guilt« (Schuld) verwandt.

Vor langer Zeit haben die Menschen wohl damit begonnen, über moralische Fragen in der Sprache des Marktes zu sprechen. In biblischen Zeiten war dies naheliegend. Ein Großteil der einfachen Bevölkerung war ständig von Schuldknechtschaft bedroht. Wenn Jesus über die Erlösung von der Schuld sprach, hatte dies auch immer soziale Anknüpfungspunkte, die sehr konkret zu verstehen waren.

Heute ist von Vergebung der Schuld und der Schulden nicht mehr (oder noch immer nicht?) viel zu spüren. Aber die synonymen Begriffe sind geblieben und verwirren unser Denken und Handeln. Muss man seine Schulden zurückzahlen? Auch wenn dies zu Leiden und Tod führt wie in manchen Entwicklungsländern, deren Zinszahlungen an die Industrieländer inzwischen die Höhe der ursprünglichen Kredite bei weitem überstiegen hat?

Wo das Sparen und das Schuldentilgen zum Dogma wird, sind Zweifel angebracht. Es sollte in jedem Einzelfall abgewogen werden, ob die Effekte von Zinseinsparungen positiver sind, als der Nutzen von zusätzlichen Investitionen in die Zukunft. Erst dann wird aus Selbstzweck wieder Politik.

PS: Wir fühlen uns geehrt, dass wir in dieser Ausgabe mit Paul Krugman und Martin Schulz gleich zwei Nobelpreisträger exklusiv für unser Magazin gewinnen konnten!

PPS: Ab sofort ist horizonte auch in den gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen unseres Bundeslandes erhältlich. Weiterlesen